A Star Is Born - Eine wichtigtuerische Hollywood-Romanze


A Star Is Born
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Bei A Star Is Born handelt es sich um die Art von Film, die prädestiniert dafür ist, bei den Academy Awards im Februar so richtig abzuräumen. Ein Rührstück, das sogar in Nebenrollen mit hochkarätigen Schauspielern aufwartet, Los Angeles als das ultimative Ziel von Träumern und Kreativen inszeniert und dabei auch noch technischen Anspruch und Klasse ausstrahlt. Im Zentrum stehen mit Romcom-Schönling Bradley Cooper und Pop-Sängerin Lady Gaga zwei attraktive Top-Stars, die das Publikum scharenweise in die Kinosäle locken und dazu motivieren, nach dem Filmkonsum auch gleich das Soundtrack-Album auf iTunes herunterzuladen. Vor allem in den USA wird A Star Is Born überhäuft mit Kritikerlob. Als Remake eines alten Hollywood-Klassikers hätte das Prädikat "zeitlos" auch schon im Trailer stehen können. Ein rundum magischer Film also, dessen Charme nur ein absolut herzloser Zyniker ohne Anerkennung und Bewusstsein für Kunst widerstehen könnte. Das ist ein Fakt. Oder zumindest eine Meinung.

A Star Is Born ist Bradley Coopers Ode an sich selbst

Mit der Tatsache, ein herzloser Kinogänger zu sein, muss ich mich daher wohl abfinden, denn mir war seit langer Zeit nicht mehr so schwindelerregend langweilig wie bei meinem Kinobesuch von A Star Is Born. Auch wenn ich natürlich niemandem den Spaß am Film verderben möchte - ich kann den Hype um diesen Egotrip überhaupt nicht nachvollziehen.

Beim namensgebenden Star mag es sich offiziell um Lady Gagas Ally handeln, bei genauerer Betrachtung des Films wird aber schnell klar, wer hier wirklich darauf drängt, im Mittelpunkt zu stehen. Regisseur und Hauptdarsteller Bradley Cooper hat mit A Star Is Born ein Monument an die Eitelkeit erschaffen, das sogar der Streisand-Version von 1976 Konkurrenz macht. Der Hangover-Star inszeniert sich als auf sexy Art und Weise alternder Rockmusiker Jackson Maine, der aus dieser undefinierten Zeit stammt, in der Musik noch "echt" war. Als solcher besitzt er von Natur aus die oberste Autorität, was das Erkennen von Talenten angeht. Den kompletten Film über bevormundet er daher seine Gesangspartnerin und spätere Frau Ally, hält ihr Vorträge über Songwriting und Ruhm und murmelt ablehnend in seinen Hipsterbart, wenn diese sich für ihr neues Album widerwillig den Wünschen ihres als Karikatur gezeichneten Produzenten unterwirft.

Das mag etwas gemein klingen, aber Jackson ist zumindest eine voll ausformulierte, fast dreidimensionale Figur mit Problemen, Wünschen und Charakterzügen. Wer Ally als Person ist, erfährt das Publikum gar nicht erst. Die aufstrebende Sängerin bleibt bis zum Abspann ein Enigma. Wenn Ally zu Beginn in einer Polizistenkneipe aus heiterem Himmel einen aufdringlichen Gast vermöbelt, wird angedeutet, dass diese Frau ein Wahnsinnstemperament hat, davon ist jedoch im restlichen Film überhaupt nichts mehr zu spüren. Sie trällert einfach brav ihre Lieder und trägt dem selbstgerechten Wrack von Ehemann den Hintern hinterher.

Selbst das Konfliktpotential zwischen den beiden - sprich: Ally hat Erfolg mit Popmusik, die Jackson beschissen findet - wird nicht ausgeschöpft. Allys Standpunkt wird nie wirklich deutlich herausgestellt. Zwar wehrt sie sich gegen einige Vorgaben ihres Managers, am Ende ist aber nicht wirklich klar, ob sie sich die Entwicklung ihrer Karriere nicht vielleicht sogar genau so vorgestellt hat. Immerhin zwingt sie ja niemand dazu, Pop-Trash zu singen. Die einzige Figur, die sie permanent in irgendeine Richtung pushen will, ist unser strahlender Held Jackson Maine.

Auch die Nebenfiguren handeln mit Ausnahme von Andrew Dice Clay nur im Bezug auf Jackson: Dave Chappelle taucht im Film für gefühlt zwei Szenen auf, um als Kumpel von früher Weisheiten rauszuhauen, die so auch auf einem Bierdeckel stehen könnten, und Jacksons Beziehung ein bisschen voranzutreiben. Der wunderbare Sam Elliott darf als Bruder Bobby die gemeinsame Hintergrundgeschichte erklären und der bereits erwähnte Manager-Schmierlappen, verkörpert von Rafi Gavrons, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er den Country-Barden und seine künstlerische Integrität nicht ausstehen kann. Das ist an und für sich vollkommen in Ordnung, wirklich tiefgründig wirken diese Beziehungen jedoch nicht. Dafür sind die Figuren einfach zu stereotyp und oberflächlich angelegt.

Chemie aus dem Labor - Die Liebesgeschichte in A Star Is Born

Den ganzen Film über habe ich mich außerdem gefragt, was zur Hölle Ally überhaupt an diesem Jackson Maine findet. Der dauerbreite Rocker verhält sich ihr gegenüber von Anfang an aufdringlich und unangebracht. Bis auf seine zugegebenermaßen ganz wohlklingende Stimme scheint der Alkoholiker gar nichts in seinem Leben unter Kontrolle zu haben. Schon bei ihrer ersten Begegnung tatscht der angetrunkene Jackson einer sichtlich verunsicherten Ally im Gesicht herum, bei ihrem zweiten Treffen betrinkt er sich bis zur Besinnungslosigkeit. Permanent stößt er sie in peinliche Situationen, gegenüber seinem eigenen Bruder verhält er sich vor Allys Augen grausam und selbstgerecht. Ein echter Traummann eben.

Gaga und Cooper wird von Kritikern und Zuschauern eine gute Chemie attestiert. Das ist durchaus nachvollziehbar, immerhin handelt es sich bei den Schauspielern um absolute Megastars, die ohne ihr natürliches Charisma nicht da stehen würden, wo sie stehen. Außerdem legen sich die zwei bei ihren Songs so richtig ins Zeug, was natürlich auch beim Publikum ankommt. Dennoch fühlt sich ihre Beziehung für mich nie glaubhaft oder echt an, sondern immer wie eine wichtigtuerische Hollywood-Romanze, die sich ihre intimen Momente nicht verdient. Dass die beiden zusammen musizieren wollen und miteinander ins Geschäft kommen, kann ich vollkommen nachvollziehen, aber als Paar sehe ich sie deswegen beim besten Willen nicht. Was schätzen sie, abgesehen vom guten Aussehen, denn überhaupt aneinander?

A Star Is Born hat nichts zu sagen

Dafür, dass Cooper im Film die ganze Zeit predigt, dass es das Ziel eines jeden Musikers ist, etwas Individuelles zu sagen und seine eigene Perspektive auf ein altbekanntes Schema darzustellen, hat sein Remake der Geschichte am Ende herzlich wenig Neues hinzuzufügen. Außerdem wirkt die Darstellung der Musikindustrie ganz schön altbacken. Dass die rund 30-jährige Ally von ihrem Produzenten angehalten wird, Pop-Schund zu machen, um mehr Platten zu verkaufen, wirkt überhaupt nicht zeitgemäß. Von einer Künstlerin in ihrem Alter wird in der Realität durchaus individuelle Klasse erwartet. Die Tatsache, dass sich der Soundtrack zu A Star Is Born gerade verkauft wie warme Semmeln ist ironischerweise eher eine Bestätigung dafür, dass Allys Countryballaden um einiges massentauglicher sind als der im Film verteufelte Einheitsbrei.

Dass im Showbusiness talentierte Künstler durchgekaut und ausgespuckt werden, ist auch kaum eine neue Erkenntnis. Ebenso wenig hat der Film irgendetwas über Sucht, Abhängigkeit, Depression oder toxische Beziehungen zu sagen - alles Themen, die angeschnitten, aber nicht wirklich behandelt werden. A Star Is Born ist ein filmischer Cheeseburger - altbewährte Formel, halbwegs frische, optisch ansprechende Zutaten, ordentlich Fett. Das schmeckt zwar und macht satt, gibt es aber auch an vielen anderen Orten noch um einiges besser.

Wie habt ihr Bradley Coopers Regiedebüt A Star Is Born wahrgenommen?

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