Lu Over the Wall - Alle lieb haben

Anime-Serien im Kino: Mein Abend mit tanzenden Meerjungfrau-Hunden


Kai und Lu
© KAZÉ
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Vergangenen Dienstag, um genauer zu sein am 25.09.2018, gingen die KAZÉ Anime Nights schon wieder in eine neue Runde. Entführte uns Ende August Black Butler: Book of the Atlantic noch auf eine Kreuzfahrt mit Zombies, werden diesmal wieder etwas ruhigere sowie vor allem buntere Töne angeschlagen. Mit Lu Over the Wall erwartet uns eine klassische Coming of Age-Geschichte, die vor allem mit einem tollen Soundtrack sowie sympathischen Protagonisten punkten kann.

Lu Over the Wall - Die kleine Meerjungfrau, nur anders

Kai lebt gemeinsam mit seinem Vater sowie Großvater in dem kleinen verschlafenen Fischerdorf Hinashi und weiß noch nicht, was er in Zukunft machen will. Damit ist er nicht allein, denn seinen Schulfreunden Yuho und Kunio geht es ähnlich. Die Liebe zur Musik verbindet unser Trio und speziell Kais Melodien sind es, die eine kleine Meerjungfrau namens Lu anlocken, mit der sich unsere Helden schnell anfreunden. Allerdings darf von dieser besonderen Freundschaft niemand etwas wissen, denn in Hinashi fürchten sich die Einwohner vor dem Fluch der Meerjungfrau und speziell die älteren Bewohner sind den mystischen Meeresbewohnerinnen, die angeblich Menschen fressen sollen, äußerst feindselig gesinnt. Hat die Freundschaft von Kai und Lu eine Chance?

Die Geschichte von Lu Over the Wall gibt an und für sich leider nicht wirklich viel her. Sie wird weder sonderlich spannend erzählt noch können die Twists in irgendeiner Art und Weise überraschen. Dennoch werden speziell Fans von Coming of Age-Filmen ihren Spaß mit diesem Anime haben, denn eines kann ich Lu Over the Wall gewiss nicht absprechen: sein Herz. Unseren 3 menschlichen Protagonisten wird sich gewiss jeder verbunden fühlen können, schließlich sehen sie sich mit Problemen konfrontiert, die jeder von uns bereits einmal erlebt haben dürfte. Dabei geht es um persönliche Unsicherheiten, unerwiderte Liebe sowie Generationenkonflikte. Sie sind gefangen zwischen den Erwartungen ihrer Familien, den Traditionen ihrer Heimat sowie ihrem innigen Wunsch, mit alten Mustern zu brechen. Auf diesem Weg begleitet die Meerjungfrau Lu unsere Helden, die ich aufgrund ihrer naiven jedoch mindestens ebenso liebenswürdigen Art einfach gern haben musste.

Lu Over the Wall besticht mit seinem eigenwilligen Stil

Gerade im Vergleich zu den Anime, die bisher dieses Jahr in unseren Kinos liefen, fällt auf: Lu Over the Wall wirkt erstaunlich simpel. Wo ein Your Name. oder auch No Game No Life Zero einen Teil ihres Reizes aus ihrem schieren audiovisuellen Bombast ziehen, kommt das Abenteuer unserer kleinen Meerjungfrau visuell eher einfach daher. Können die Umgebungen noch mit knalligen Farben überzeugen, fallen die Charaktere im direkten Vergleich stark ab, sind die doch sehr schlicht gezeichnet. Wenig spricht auf den ersten Blick dafür, dass mit Toho ein wahrer Anime-Gigant hinter dem Film steht. Aus dieser Einfachheit holt Lu Over the Wall dennoch überraschend viel heraus, denn die simplen Zeichnungen erlauben jederzeit geschmeidige Animationen und ja, irgenwie hat dieser Stil etwas für sich, dessen ich mich im Kinosaal nicht erwehren konnte. Alles wirkte auf mich schlicht absolut stimmig. Visuelles Highlight ist übrigens eine Szene unter Wasser, in der Lu Kai ihre Welt zeigt - die Farben sind kraftvoll, die Kamerafahrten herrlich dynamisch und die Welt unserer Meerjungfrau sprüht geradezu über vor Leben und Energie.

Mein klares Highlight von Lu Over the Wall ist hingegen die wirklich wunderschöne musikalische Untermalung, welche in einigen herrlich absurden Musical-Szenen sowie einem tollen musikalischen Finale gipfelt, in dem Kai seine wahren Gefühle offenbart - ein echter Gänsehaut-Moment. Diese Musical-Einlagen haben eine tolle Energie, die nicht nur die in Lus Umgebung befindlichen Menschen und Meerjungfrau-Hunde (!) unweigerlich dazu animiert, das Tanzbein zu schwingen, sondern sich ebenfalls auf die Zuschauer im Saal übertrug. Beim Umherblicken während dieser Szenen hatten alle anderen Leute im Saal ein Lächeln im Gesicht und wippten munter mit im Takt der Musik; genauso wie ich. Die deutschen Sprecher rund um Philip Süß als Kai machen ihre Sache übrigens wirklich sehr gut und wurden absolut passend zu ihren jeweiligen Charakteren besetzt. Es gelingt ihnen, die Emotionen ihrer Figuren glaubhaft zu vermitteln. Einzig in den Musical-Szenen müssen die deutschen Sprecher schweigen, denn hier hören wir die japanischen Original-Sprecher. KAZÉ bewies bei der Verpflichtung der deutschen Sprecher ein gutes Händchen.

Mein Abend mit Lu Over the Wall

Wirklich negativ ist mir indes wenig aufgefallen an Lus großem Abenteuer. Gut, wie eingangs erwähnt, gibt die Geschichte nun nicht wirklich viel her. Doch auch einige Charaktere gingen mir ob ihrer Beschränktheit zwischenzeitlich arg auf die Nerven. Hierbei handelte es sich übrigens ausschließlich um erwachsene Figuren, die, wie so oft in Filmen dieser Art, gefühlt allesamt intellektuelle Tiefflieger sind und sogar zum Schuhe zubinden zu blöd erscheinen. Davon abgesehen wirken Lus Kräfte, mit denen sie unter anderem das Wasser kontrollieren kann, teils doch arg überzogen sowie zu übermächtig. Sie erschienen mir wie ein Plot Device, welches zwischenzeitlich keinem andere Zweck diente, als den Plot voranzutreiben. Wirklich schade, denn Lu sowie die mit ihr verbundene Mythologie rund um Meerjungfrauen in Hinashi hätte bedeutend mehr hergegeben.

Nach nicht einmal zwei Stunden näherte sich der Film dann schließlich seinem Ende und begleitet von Kais letztem Song flimmerte schließlich der Abspann über die Leinwand. Am Ende des Tages beziehungsweise des Abends fielen die just erwähnten Schwächen jedoch nicht allzu sehr ins Gewicht, denn für mich überwiegen klar die positiven Seiten des Films. Es war ein bizarrer, doch gleichsam wunderschöner Abend voll großer Emotionen sowie einer sympathischen Lu, von der ich mich gerne auf dieses Abenteuer entführen ließ.

Diesen Monat gehen die KAZÉ Anime Nights natürlich in ihre nächste Runde, denn am 30.10.2018 möchte uns Night is Short, Walk on Girl in seinen Bann ziehen.

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