Better Call Saul - Der Geist von Breaking Bad raubt die Luft zum Atmen


Better Call Saul: Breathe
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Better Call Saul: Breathe
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Pfizze Sven Pfizenmaier
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Es war alles noch ein großer Spaß, als Better Call Saul in die 1. Staffel ging. Ein vergnügliches Rätselraten, welche tragikomische Wendung Jimmy McGill endgültig vom rechten Wege abbringen wird. Ein Ausharren in zappliger Vorfreude auf den Moment, in dem er sich zu demjenigen Saul Goodman verwandelt, den wir in Breaking Bad kennen und lieben gelernt haben. Drei Staffeln und eine handvoll finsterer Abgründe später ist Saul Goodman zu einem Damoklesschwert geworden. Wo früher Vorfreude war, herrscht jetzt Besorgnis, denn bevor Saul endlich seinen Weg in die Serie finden kann, muss erst einmal sehr viel kaputt gehen. Der Episodentitel sieht da nicht nur durch die Plastiktüte von Arturo, dem armen Kerl, wie blanke Häme aus: Breathe. Ans Durchatmen denkt hier gerade nämlich niemand.

Better Call Sauls Nähe zu Breaking Bad schürt Erwartungen

Letzte Woche war es Mike (Jonathan Banks) der mit seinem unerklärlichen Arbeitseifer für Irritation sorgte, diese Woche ist es Jimmy (Bob Odenkirk). Genau wie Mike kaufen wir auch Jimmy nicht ab, dass kein größerer Plan hinter seinem Arbeitnehmerenthusiasmus steckt. Das liegt nur zum Teil daran, dass wir Jimmy so gut kennen und es daher nur schwer vorstellbar ist, dass sein Eifer, Kopierer an den Mann zu bringen, aufrichtig ist. Dank der Inszenierung der wundervollen Michelle MacLaren - eine Breaking Bad-Veteranin, die hier zum zweiten Mal seit der 1. Staffel Regie führt - verweilen wir noch länger als sonst auf schweigenden Gesichtern, und da rattert und scharrt es in alle Richtungen. Wenn Jimmy für einen Moment in sich geht, um wieder ins Büro zurückzukehren und seine potentiellen Arbeitgeber vorzuführen ("You guys are like a couple of cats. I come in, wave a shiny object around and you're like 'I want that!'"), dann liegt es auf der Hand, dass dem eine größere Idee zugrunde liegt. Die liegt aber, wie so vieles in Better Call Saul, im Verborgenen, sie arbeitet im Hintergrund und wartet darauf, sich an die Oberfläche schleichen zu können.

Die Herausforderung, mit der sich Better Call Saul mehr als zuvor konfrontiert sieht, ist die Nähe zu Breaking Bad. Vince Gilligan und Peter Gould haben mehrfach betont, dass sie immer dichter an die Welt der Mutterserie heranrücken wollen. Das jedoch birgt Gefahren, namentlich die Erwartungen und Ahnungen der Zuschauerschaft: Wenn Nacho (Michael Mando) am Ende der Folge bei der Drogenübergabe seine Waffe zückt, wissen alle, die mit Breaking Bad vertraut sind, dass hier wahrscheinlich keine direkte Eskalation droht: Sowohl Victor (Jeremiah Bitsui) als auch Tyrus (Ray Campbell) tauchen in Breaking Bad auf, sie sind in dieser Serie also sicher. Ein Ausscheiden Nachos kommt vorerst wohl nicht in Frage, und so bleibt nur noch Arturo (Vincent Fuentes). Und doch verliert das Eintreten des Erwartbaren nichts von seiner furchterregenden Wirkung. Die ersten Schatten von der anderen Seite der Container huschen über den Asphalt, wie ein Geist, der in der ganzen Episode über den Figuren lauert und jetzt endlich sein Zuschnappen ankündigt. Und wenn er zugeschlagen hat, bleibt nichts als eine noch größere Angst ob der Dinge, die da noch kommen mögen.

Rhea Seehorn ist das große Highlight in Breathe

Aus demselben Grund hinterlässt das absolute Highlight dieser Episode, Kims (Rhea Seehorn) Wutausbruch gegenüber Howard (Patrick Fabian), einen derart tiefsitzenden Eindruck. Einerseits ist es natürlich das Moment der Katharsis: Aus Kims zügelloser Rage spricht nicht nur ihr ehrlicher Verteidigungsreflex für Jimmy, sondern auch das Dampfablassen ihrer eigenen jahrelangen Erfahrungen mit Howard, dem sie jetzt endlich mit guten Gründen alles rückerstatten darf. In diesem Augenblick wirkt sie fast schon wie eine eigene Version von Gus (Giancarlo Esposito). Die ewig gefasste, still zuhörende Kim stellt nur mal eben klar, dass sie eine Autorität in sich trägt, der man sich besser nicht in den Weg stellen sollte. Und so, wie Howard während seiner Maßregelung guckt, würde er wohl lieber Plastiktüte und Kabelbinder von Gus gereicht bekommen, als noch eine Sekunde länger Kims Erbarmungslosigkeit ertragen zu müssen.

Das eigentlich Tragische an dieser Szene ist jedoch, dass Kim ihr Bild von Jimmy auf Unwahrheiten aufgebaut hat. Sie geht aus sich heraus für einen Mann, der ihr wohl nie so ganz sein wahres Gesicht zeigen kann. Dass Jimmy einen maßgeblichen Beitrag zum Tod von Chuck beigetragen hat, ist eine Information, die die beiden wohl endgültig auseinander treiben könnte. Jetzt verheimlichen sie sich immerhin gegenseitig etwas: Jimmy hält seine kriminellen Machenschaften unter Verschluss, Kim den Brief seines Bruders. Beide sind überzeugt davon, es für das gemeinsame Wohl zu tun. Wie es aussieht, wissen wir es aber leider besser: Es ist nur schwer vorstellbar, dass in der Welt von Saul Goodman Platz für jemanden wie Kim ist. Und zum ersten Mal wünsche ich mir, dass Saul Goodman und seine Breaking Bad-Welt sich mit ihrem Auftritt noch eine Weile Zeit lassen.

"I decide what he deserves. No one else."

Notizen am Rande:

  • Jimmy will sich jetzt also wieder den Hummel-Figuren zuwenden. Damit hat er ja schon in den guten alten Rentnerzeiten seine Erfahrungen gemacht. Aber was hat er vor? Er wird ja wohl kaum Mike anheuern, um ein paar Idioten ihre Figuren zu klauen?
  • Victor erweist sich immer mehr als zuverlässiger Handlanger von Gus. Es sagt einiges über dessen spätere psychische Verfassung aus, dass er Victor einmal mit einem Teppichmesser die Kehle durchschneiden wird.
  • Ich hoffe, Nachos Vater ist jetzt wirklich erst einmal aus dem Staub. Ich halte es nicht länger aus, in dieses herzensgute, endlos traurige Gesicht zu gucken. Schade, dass Nachos Plan, bald aus dem Geschäft auszusteigen, wohl nicht mehr aufgehen wird.

Better Call Saul, Staffel 4, Folge 1: Im Auftakt der 4. Staffel herrschen Schuld und Paranoia

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