Better Call Saul - Eine Reise in den Abgrund, ganz ohne fremde Hilfe


Better Call Saul: Coushatta
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Better Call Saul: Coushatta
moviepilot Team
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Es war so ein klarer Weg, der zu dem unweigerlichen Bruch zweier Liebenden und damit zum jetzt schon furchterregenden Finale von Better Call Saul führen sollte. Einer der beiden entwickelt sich zum skrupellosen Star-Anwalt der kriminellen Unterwelt New Mexicos, die andere sieht in diesem Lebensentwurf keinen Platz für sich. So oder so ähnlich malte auch ich mir die Abwärtsspirale von Jimmy und Kim aus, doch Vince Gilligan und Peter Gould schlagen in Coushatta eine andere, brillante Richtung ein und erinnern uns: Die Hauptfiguren im Universum von Breaking Bad sind keine Opfer ihrer Umgebung, die zu einer moralischen Bankrotterklärung genötigt werden. Es mögen vielleicht die Anderen sein, die die ersten Denkanstöße, die ersten Kostproben einer kunterbunten, süßen Welt des Betrugs liefern. Die Reise in den Abgrund wird dann aber freiwillig und ganz ohne fremde Hilfe gemacht.

Nacho ist der einzige in Better Call Saul, der der Kriminalität entfliehen will

Nacho (Michael Mando) ist zurück und entwickelt sich weiter in Richtung Better Call Saul-Version von Jesse Pinkman. Immer mehr wird sein Werdegang von größeren Mächten diktiert, er spielt nur noch zur Lebenserhaltung mit. Selbst der überraschend weichgespülte Domingo (Max Arciniega) bekommt Mitleid mit ihm, als Nacho einem großkotzigen Dealer die Leviten lesen und sein Ohr verstümmeln muss. "You had to do that, man", sagt er ihm, fast schon ermutigend. Du hattest keine andere Wahl. Du musst tun, was du tun musst. Nacho sieht das ähnlich, Zuhause aber warten gefälschte Ausweise für sich und seinen Vater darauf, benutzt zu werden. Er möchte das Versprechen, das er seinem Papa gegeben hat, einhalten, aus dem Kartell aussteigen, irgendwo ein besseres, ruhiges Leben führen. Unterstützung bekommt er dabei keine. Es sind wieder die Anderen, die ihm Steine in den Weg legen und einen weiteren Salamanca an seine Seite delegieren, um ein Auge auf seine Arbeit zu haben.

Jimmy wirkt neben Kims Uferlosigkeit wie ein Schuljunge

Kim (Rhea Seehorn) und Jimmy (Bob Odenkirk) ziehen ihren Scam zur Rettung von Huell (Lavell Crawford) durch und siegen auf ganzer Linie. Kims Plan, das Gericht mit gefälschter Huell-Fanpost zu bombardieren, ist nicht nur clever, er zeugt auch von einer völlig konträren Denkweise im Vergleich zu Jimmy. Dessen erste Idee war es, den Ruf des Polizisten zu zerstören und damit seine Glaubwürdigkeit zu unterwandern - Sieg durch Dekonstruktion. Kim verfolgt den gegenteiligen Ansatz und erbaut aus dem Nichts einen heiligen Ruf für Huell. Das gewünschte Ergebnis bleibt gleich, doch Kims Version verlangt keine Opfer, während Jimmys Weg die berufliche Karriere eines Menschen zerstört hätte. Gleichzeitig spielt Kim in einer ganz anderen Liga der Gigantomanie: Jimmy hätte sich auf eine lokale Schlammschlacht eingelassen, Kim konstruiert ein Bundesstaaten übergreifendes, bis zur maximalen Größe aufgeblasenes Narrativ. Und das, um einem Sandwichprügler ein paar Monate Gefängnis zu ersparen.

Jimmy steht in der ganzen Geschichte einerseits zwar wie ein Lehrling da. Andererseits werden in dieser Arbeitsteilung seine Stärken besonders zur Geltung gebracht: Sich die Hände schmutzig machen, einen Haufen anderer Leute für seinen Plan rekrutieren, Rollenspiele erfinden, Menschen ins Gesicht lügen. Es ist ganz die Welt von Slippin' Jimmy, die unter der Aufsicht von Kims Mastermind zu ihrer vollen Blüte kommt. Zusammen dürfen sie wieder die Jura-Version von Bonnie und Clyde sein, auch wenn es für Jimmy die meiste Zeit anders aussieht. Aus seiner Sicht tut sie ihm einen Gefallen, und auch wir als Publikum sollen davon ausgehen, dass Kim das Ding hier nur durchzieht, weil sie Jimmy liebt. Sie zeigt ihm die kalte Schulter, geht stur ihrer Arbeit nach. Wie viel Leidenschaft Kim selbst für einen großspurigen Betrug aufbringen kann, stellt sich erst zum Ende der Episode heraus.

Kim schreitet ihrem eigenen Abgrund entgegen

Wenn Kim, wie in der vorletzten Woche, die Motivation für ihre Tätigkeit als Anwältin mit den Worten "I like it. I'm good at it" zusammenfasste, erinnerte sie stellenweise an Walter White. In Coushatta treten diese Parallelen noch stärker hervor: Der geglückte Coup befeuert ihre Sexualität in einem Ausmaß, wie wir es in Better Call Saul nicht gewohnt sind. Dadurch, dass die Serie das Sexleben von Jimmy und Kim so bewusst außen vor gelassen hat, wirkt ihr Herfallen über Jimmy im Treppenhaus des Gerichts wie eine Explosion. Ein Knoten, der endlich geplatzt ist und den Weg für die Zügellosigkeit freimacht. Kein Wunder, dass sie die Arbeit bei Mesa Verde umso mehr langweilt. Kevin (Rex Linn) präsentiert seine Idee, die Filiale in Lubbock genau so zu gestalten wie die in Tucumcari, im Vornherein mit einem Haufen Bedenken. Bei all ihrem Expansionswahnsinn denken er und Paige (Cara Pifko) immer noch in vernünftigen, umsetzbaren Größenordnungen. Keiner von ihnen würde auf die Idee kommen, für die Umsetzung einer Idee jegliche Rahmen zu sprengen und das schlichtweg Unmögliche in Angriff zu nehmen, wie es Kim für Huell getan hat. Es ist sicherlich nicht zuletzt dieser Moment der Klarheit, der sie zu Jimmys potentiellem Büro treibt. Der versichert ihr tausendfach, nie wieder so einen Job zu machen. Ganz zu seiner Überraschung will sie aber weitermachen. Genauso gut hätte sie sagen können: "I did it for me." Hier bahnt sich eine Tragödie an, die noch übler aussieht als bisher. Das Höher, Schneller, Weiter findet selten ein gutes Ende. Erst recht nicht in Albuquerque.

"Let's do it again."

Notizen am Rande:

  • Der aufmüpfige Kai war doch nur eine Finte. Wer hätte gedacht, dass das größte Problem letztendlich bei Werner liegt? Der sieht sein Geschnatter zwar nicht ganz so dramatisch ("No details. Not scale at all."), doch ab jetzt darf man sich ganz offiziell Sorgen um das Bauteam machen. Das Herzzerreißende an diesem Patzer ist, dass Mike sich jetzt wohl wieder von Werner distanzieren wird. Dabei hat ihm kaum jemand zuvor so viel aufrichtiges Interesse entgegen gebracht.
  • Den Tequila-Flaschendeckel, der Kim an ihr Alter Ego Giselle erinnert, kann man für schlappe 1.795 US-Dollar kaufen.
  • Die gefälschte Internetseite für Huells Heldentum ist jetzt wirklich online. So viel schönes Material für den Desktophintergrund.
  • Guillermo del Toro findet Better Call Saul besser als Breaking Bad.
  • Nochmal zu den Bauarbeitern: Die nächste Episode heißt Wiedersehen und wurde von Vince Gilligan persönlich inszeniert. Wenn das mal kein schlechtes Zeichen für Werner und seine Jungs ist...

Alle Recaps zur 4. Staffel Better Call Saul:


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