Better Call Saul - Große Gefühle jagen die Lust, kriminell zu sein


Better Call Saul: Something Beautiful
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Better Call Saul: Something Beautiful
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Jede Erfolgsgeschichte ist immer auch eine Geschichte der Unersättlichkeit. Kaum ein Motiv in der Film- und Seriengeschichte wurde so ausgiebig seziert: Der Hunger nach mehr, bis es den Hungrigen zu Fall bringt. Mit Something Beautiful nimmt sich diese Woche auch Better Call Saul diesem Thema an, selbstverständlich in einem ganz eigenen Tempo. Mit größter Behutsamkeit zeigen Vince Gilligan, Peter Gould und Regisseur Daniel Sackheim, wie an allen Ecken und Enden ein unermüdlicher Antrieb zum nächsten Schritt arbeitet, ein grenzenloser Expansionswahnsinn, dem sich nur die wenigsten Charaktere entgegenstellen möchten. Und wenn sie es doch tun, so die böse Vorahnung, werden sie womöglich von dem Druck der Gierigen beiseite geschoben. Wohin auch immer.

Gus und sein Kartell verbinden Better Call Saul mit Breaking Bad

Allen voran ist da natürlich das unter Gus (Giancarlo Esposito) operierende Kartell. Jetzt, wo Nacho (Michael Mando) endgültig zu einer hoffnungs- und ausweglosen Marionette degradiert wurde, kommt eine Entwicklung ins Rollen, die in ihrer gut geölten Routiniertheit sicherlich keine spontane Eingebung von Gus war: Weil lange Wege für den Transport nach dem "Anschlag" auf Nacho und Arturo zu gefährlich sind, soll Gus einen Drogenlieferanten auf US-amerikanischer Seite finden. Damit ist das Fundament für das gigantomanische Labor gelegt, dass ein paar Jahre später Walter White in die Arme von Gus führen wird. Passenderweise geht damit auch der Auftritt des liebenswerten Übergeeks Gale Boetticher (David Costabile) einher, und zwar genau so, wie wir ihn später in Breaking Bad kennengelernt haben: Hoffnungslos verliebt, in Gus, in die Möglichkeiten, die er ihm bieten kann. Letzten Endes wird er ein Opfer der pausenlos mahlenden Zahnräder unternehmerischen Größenwahns sein. Doch sein verträumt-aufgeregter Blick verrät: Selbst wenn er um sein Schicksal wüsste, könnte er wohl kaum der Versuchung widerstehen, Teil von etwas derart Großem zu sein.

Ein Heist um jeden Preis - Etwas Schönes

Jimmys (Bob Odenkirk) Unternehmergeist mag ebenso rastlos sein, funktioniert aber anders. Sein fast schon lächerlich profaner Heist dient keinem Masterplan, sondern einzig und allein der Sache an sich. Eine hübsche Gelegenheit, ein krummes Ding zu drehen. Nicht einmal das Geld kann hier ernsthaft als Antriebsfeder herhalten: Die 5.000 Dollar von Chucks Erbe wischt er spöttisch beiseite ("I can pay off my Mastercard"), für die 4.000 der Hummel-Figur legt er sich hingegen kräftig ins Zeug, denn die Summe an sich ist irrelevant. Wichtig ist, woher sie kommt. Mit dieser Alles-was-geht-Mentalität verschreckt er Mike (Jonathan Banks), der sich offenbar in seinem moralischen Kodex verletzt fühlt. "Guys in the office cross you? Done you wrong?", fragt er. In den Antworten darauf steckt die einzig mögliche Rechtfertigung dafür, einfach so aus Spaß an der Sache Leute zu beklauen.

Doch damit redet Mike am Thema vorbei, wie Jimmy anmerkt. Es geht ihm nämlich tatsächlich nur um den Spaß an der Sache. "Let's do something beautiful here", fasst er seinen Plan für Mike an einer Stelle zusammen und liefert damit die titelgebende Zeile für diese Episode. Dieses "Schöne" hat nichts mit Geld und erst recht nichts mit Rache zu tun. Es ist die blanke Faszination am Ausloten, Brechen moralischer und gesetzlicher Grenzen. Die Freude an der Virtuosität, mit der Menschen manipuliert werden können, mit der es sich durch ethische Fragwürdigkeiten rutschen lässt. Ein paar Knöpfe drücken, ein paar Dinge in Bewegung setzen, und am Ende klingelt und klimpert es und heraus kommt ein Sümmchen Bargeld, als Belohnung für die eigene Gewieftheit. Die Bestätigung dafür, so lange im Recht zu sein, so lange man als Sieger aus dem Spiel hervorgeht. Wohin die Reise gehen soll ist ebenfalls egal. Es geht ums Weitermachen.

Kim wird in der Welt von Better Call Saul zu einem Fremdkörper

Die einzige Person in diesem Sammelsurium der Nimmersatten, die sich eindeutig gegen diesen Lebensentwurf stellt, ist Kim (Rhea Seehorn). Ihr Chef Kevin (Rex Linn) präsentiert ihr voller Stolz und Aufregung seine Modellsammlung, die das Ausmaß seiner Zukunftspläne für Mesa Verde ausbreiten: Der ganze Westen der USA soll von seinen Banken besiedelt werden. Kim zeigt sich von Anfang an mäßig begeistert, doch ihre Unruhe steigert sich mit der Nennung jeder weiteren Stadt. Als Kevin North Platte, Nebraska erwähnt (genau die Gegend, aus der Kim ursprünglich stammt), ertönt die unheilvolle Musik von Dave Porter als Stellvertreter für ihre aufkommende Panik vor der Grenzenlosigkeit. Sie ist nicht einmal in der Lage, sich zu verstellen: "It's a lot. It's a very fast, aggressive expansion", stellt sie fest und steht einen Augenblick später gedankenversunken in der Eingangshalle. Vor ihr thront ein riesiger Cowboy - das Sinnbild schlechthin für US-amerikanische, blutige Aggro-Expansion gen Westen. Bloß sollen jetzt weder Ländereien noch Boden erobert werden, sondern Finanzmärkte. Und Kim findet sich plötzlich in einer fremden Umgebung wieder, die sie nie betreten wollte.

Die Entfremdung führt sich in Kims eigenen vier Wänden fort. Sie bringt endlich den Mut zusammen, Jimmy mit den Hinterlassenschaften seines Bruders zu konfrontieren. Dass sie dabei ihre emotionale Stabilität verliert, wird wohl kaum mit dem kalten, offensichtlich Jahre alten Brief von Chuck zu tun haben. Es ist die Fassungslosigkeit über Jimmys lapidarem Umgang mit seinem toten Bruder. Während Kim sich in solchen Extremsituationen wenigstens nach einem Wimpernschlag des Verharrens sehnt, jagt der Mann, den sie liebt, einer Idee des Höher, Schneller, Weiter hinterher, einem Beiseiteschieben von Gefühlen, denen es mehr Aufmerksamkeit bedurfte. Jimmy ist von ihrer Reaktion überwältigt, und auch wenn es ihm aufrichtig Leid tut und er ihr um jeden Preis helfen möchte, so mangelt es zwischen den beiden zum ersten Mal an der wichtigsten Komponente: Verständnis.

"You were meant for better things."

Notizen am Rande:

  • Die finale Szene zwischen Jimmy und Kim inklusive halboffener Tür hat wohl nicht von Ungefähr ein paar Parallelen zu der legendären letzten Szene in Der Pate.
  • Hier, bitteschön: Zum Auswendiglernen.
  • Für meinen Geschmack könnte es jetzt ruhig wieder ein bisschen weniger Kartell mitsamt des Breaking Bad-Feelings und wieder etwas mehr bodenständiges Drama zwischen Jimmy und Kim geben.
  • Der auf eine schräge Art romantischste und zugleich furchteinflößendste Moment der Episode: Nacho erwacht und blickt in die Augen eines Zwillings, der ihn stumm, so wie man ihn kennt, mit Blut versorgt.

Better Call Saul, Staffel 4, Folge 1: Im Auftakt der 4. Staffel herrschen Schuld und Paranoia

Better Call Saul, Staffel 4, Folge 2: Der Geist von Breaking Bad raubt die Luft zum Atmen

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