Bradley Coopers A Star Is Born ist ein modernes Kinowunder


A Star Is Born
© Warner Bros.
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Wie oft kann eine Geschichte erzählt werden, bis sie sich abnutzt? Diese Frage stellt sich bei Bradley Coopers A Star Is Born nur bedingt, denn hier haben wir es mit einer kinotauglichen Abhandlung zu tun, die Generation für Generation in einem neuen Licht erscheinen kann. 1932 fragte George Cukor What Price Hollywood? und inszenierte so die verhinderte Liebe zwischen der aufstrebenden Schauspielerin Mary (Constance Bennett) und dem alkoholabhängigen Regisseur Max (Lowell Sherman). Vier Jahre später sollten Esther (Janet Gaynor) und Norman (Fredric March) unter der Regie von William A. Wellman zwar zusammenfinden, aber nicht für lange - es schlug erstmals die Stunde von A Star Is Born. Nachdem Cukor sich 1954 noch einmal an dem Stoff versucht hatte, wanderte die Erzählung 1976 von der Film- in die Musikindustrie und dabei bleibt es auch bei Bradley Cooper, der mit seinem notwendigen Remake allerdings so manch willkommene Schönheitsreparatur vornimmt und vieles nachliefert, was die früheren Fassungen verpassten bzw. verpassen mussten.

Die Wandlung der A Star Is Born-Versionen

Ein besonderes Augenmerk verdienen bei den A Star Is Born-Filmen die Geschlechterrollen. Jede Version nämlich ist auch ein Spiegel ihrer Zeit, soweit die rasante Karriere einer Frau und der sinkende Stern eines männlichen Stars fatal miteinander kollidieren. Speziell die finalen Minuten der verschiedenen Interpretationen erweisen sich diesbezüglich als äußerst aussagekräftig. Aus heutiger Sicht befremdlich mutet hier vor allem Wellmans Film an, denn er unterjocht die Selbstbestimmung seiner weiblichen Hauptfigur durch deren Rückgriff auf ihre Großmutter in den entscheidenden Momenten. Letztgenannte überzeugt Esther von Normans tiefen Gefühlen zu Lebzeiten, weshalb Esther beschließt, trotz allem dem Showbusiness treu zu bleiben. Auf der Bühne stellt sie sich sodann als "Mrs. Norman Maine" vor, womit die Frau nach dem Tod des Mannes gewissermaßen als Schatten hinter ihm verschwindet. Stand 2018 kann dies eigentlich nur als emanzipatorische Bruchlandung bewertet werden.

Bradley Cooper verpasst A Star Is Born den nötigen Neuanstrich

John Cukor änderte 1954 für seine Fassung am Ende nicht viel - in Ein neuer Stern am Himmel mit Judy Garland ist es ein alter Bekannter, der nunmehr anstelle der Oma als unverzichtbarer Ratgeber fungiert. Damit bleibt der Eindruck, dass es für den weiblichen Charakter eher darum geht, das künstlerische Erbe des Partners fortzuführen und weniger darum, aus freiem Willen heraus etwas eigenes zu (er)schaffen. Viel besser machte es da Frank Pierson. In seiner Neuauflage von 1976 gehören die abschließenden acht Minuten voll und ganz Hauptdarstellerin Barbra Streisand, die im Rahmen der Bühnendarbietung eines Songs zur Hälfte ihren eigenen Stil verfolgt, zur anderen tonal dem Verstorbenen - einem ehemaligen Rockstar - Tribut zollt. Das ist nicht nur ziemlich poetisch, sondern zeugt von einer Liebe auf Augenhöhe, und das über den Tod hinaus. Sogar noch einen Tick ergreifender wird es schließlich beim aktuellen A Star Is Born, als Ally (Lady Gaga) ein Stück zum Besten gibt, welches das zentrale Paar einst zusammen komponierte. Im Zentrum der Sequenz steht dann klar die Traurigkeit des Augenblicks, nicht zwangläufig hingegen auch die Zukunft.

In einem elementaren Punkt allerdings ist Coopers Regie-Debüt auch der Version mit Streisand und Kris Kristofferson voraus: Sein Film lässt ungezwungene, echte Intimität zwischen den Hauptcharakten zu, was keineswegs nur daran liegt, dass es sich - es war ein langer Weg - um den ersten A Star Is Born handelt, der mit unmissverständlichen Sexszenen aufwartet. Vom magischen Aufeinandertreffen zwischen Jackson und Ally in einer Drag-Bar über die improvisierte Verarztung von Allys verletzter Hand durch eine Packung gefrorenem Gemüse bis hin zum Heiratsantrag mit einem Ring aus Gitarrensaiten darf der Zuschauer im Kino miterleben, wie sich Verliebtsein wirklich anfühlt. Damit indes ist Multitalent Cooper nicht lediglich den A Star Is Born-Vorgängern, sondern außerdem vielen zeitgenössischen Leinwand-Romanzen weit voraus.

Das Showbusiness ist bei Bradley Cooper gnadenloser denn je

Ohne Zweifel ist 2018 in A Star Is Born längst die Welle an Casting-Shows über die Welt hinweggefegt, wie wir es seit den frühen 2000er Jahren real erleben. Zwar spielt der Film nicht direkt in jenem Kosmos, formuliert aber ein zentrales Dilemma eben dieser Unterhaltungssindustrie: Erfolgreich werden, sein und bleiben ohne an Würde und Selbstachtung zu verlieren. So lernen wir an der Künstlerin Ally sofort ihre Individualität zu schätzen. Genau die jedoch gerät in Gefahr, als die junge Frau von einem berechnenden Manager unter Vertrag genommen wird, plötzlich auch Tanzen und sich gegen ihren Willen die Haare färben muss. Jackson, der seine Freundin bald kaum noch wiedererkennt ("Du bist hässlich!"), ist besagte Transformation ebenfalls ein Dorn im Auge, der Ruhm andererseits lockt Ally zunächst weiterhin. Ein Spagat, an dem das Paar eigentlich nur scheitern kann.

Bradley Cooper fügt aber auch dem männlichen Part in A Star Is Born einige Facetten hinzu, denn Jackson Maine ist (insbesondere im Gegensatz zu Norman Maine) sehr viel mehr als eine von Selbstmitleid zerfressene personifizierte Unnahbarkeit. Die kurze Phase des privaten Glücks seiner Figur weiß er vor und hinter der Kamera glaubhaft zu beschwören - nicht zuletzt dank der authentischen, überwältigenden Live-Aufnahmen mit Lady Gaga, die mühelos eine eigene Geschichte erzählen. Und doch wabert immer eine gewisse Schicksalsschwere über Jackson, die Empathie provoziert.

Damit werden beide Protagonisten im selben Maße greifbar, keiner steht über dem anderen. Hierauf deutet im Grunde schon die Entstehungsgeschichte von A Star Is Born hin, welche uns davon berichtet, wie ein Schauspieler (Cooper) und eine Sängerin (Lady Gaga) in einem mehrjährigen Produktionsverlauf das Beste aus dem jeweils anderen herauskitzelten, um das maximale Ergebnis zu erreichen. Ein modernes Kinowunder war geboren.

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