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Du hast den Film nicht verstanden!


Sex und Einsamkeit und Mitleid
© Warner Bros./X-Verleih
Sex und Einsamkeit und Mitleid
Es gibt hier auf Moviepilot so einige Standardkommentare, bei denen es sich lohnt, sie mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Top 3...

3) „Eigentlich mag ich ja keine Deutschen Filme“

„Obwohl es ein Deutscher Film ist...“

„Deutscher Film halt...“

Hier wird suggeriert, dass alle Filme die aus Deutschland kommen schlecht sind. Da stellt sich doch die interessante Frage, woran das denn liegt. Vorausgesetzt es stimmt. Leider bekommt man darauf in der Regel lediglich eine Antwort die „Til Schweiger“ enthält. Wir lernen daraus also, dass Til Schweiger typisch für den Deutschen Film ist. Das ist erstaunlich, denn er dürfte höchstens mit 0,5% aller deutschen Filme etwas zu tun haben. Außerdem setzt zu allem Überfluss dies voraus, dass die Qualität eines Til Schweigers indiskutabel sei.

Nun kann es natürlich sein, dass deutsche Regisseure alle ein Stilmerkmal haben, das sie verbindet. Wer es schafft den gemeinsamen Nenner zwischen Werner Herzog, Til Schweiger, Wim Wenders, Helge Schneider, Sebastian Schipper, Fatih Akin, Hannes Stöhr oder Christian Zübert zu bestimmen, vor demjenigen ziehe ich meinen imaginären Hut. Wem dies aber nicht gelingt, sollte aufhören die Nationalität eines Films als qualitatives Kriterium hervorzuheben, da er sich scheinbar nie wirklich mit dem Deutschen Film auseinandergesetzt hat.

2) „Das ist ein Kunstfilm“

„Soll wohl Kunst sein“

„Das ist keine Kunst, das ist einfach nur Mist“

Zugegeben, obwohl der Kunstbegriff eigentlich ziemlich klar definiert ist, versteht jeder etwas anderes darunter. Letzten Endes entscheidet auch nicht der Duden oder der Brockhaus über die Semantik eines Begriffes, sondern diejenigen, die diesen Begriff verwenden. Dass ein wertfreier Begriff aber wertend verwendet wird, ist dann doch sehr irritierend. Hier möchte ich nicht falsch verstanden werden. Wenn einem etwas nicht gefällt, gefällt es einem eben nicht. Wenn man mit einem Film nichts anfangen kann, dann ist dies eben so. Aber was hat dies damit zu tun, ob etwas Kunst ist oder nicht? Wenn mir ein Busfahrer unsympathisch ist, spreche ich ihm das Menschsein ja auch nicht ab. Kunst ist zunächst nur ein beschreibender Begriff. Kunst kann großartig sein, oder auch furchtbar. Sie kann anspruchsvoll sein oder auch total plump. Das liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Etwas ist nicht per se großartig weil es Kunst ist. Das Medium Film ist von Natur aus schließlich Kunst. Dies gilt für einen einfachen Unterhaltungsfilm genauso wie für einen avantgardistischen Irrsinn.

Man muss der Fairness halber aber auch hinzufügen, dass die Kunstszene selbst nicht ganz unschuldig an diesem Dilemma ist. Wer sich regelmäßig auf Ausstellungen begibt, wer die Kunstszene ein wenig von Innen aber auch von Außen kennt, wird feststellen, dass ein nicht unerheblicher Teil ein erstaunlich elitäres Selbstverständnis pflegt. Wer daher auf andere von oben herab sieht, darf sich über abfällige Bemerkungen und Unverständnis nicht wundern. Eine Thematik die im großartigen „The Square“ wundervoll verarbeitet wurde.

1) „Du hast den Film nicht verstanden“

Der Klassiker! Ein Totschlagargument, wenn jemand seinen Lieblingsfilm kritisiert. Interessanterweise, kommt in den seltensten Fällen eine Erklärung hinterher, was denn genau man nicht verstanden hätte, oder gar eine Erklärung die dem Dilettanten Erleuchtung bringen könnte. Ein Totschlagargument das impliziert, dass ein Film so etwas wie ein Rätsel sei. In der nächsten Ausgabe kommt dann die Auflösung. Dabei haben wir schon in der Schule gelernt, dass Interpretieren nicht bedeutet nach der einen Lösung zu suchen, sondern mögliche Erklärungen abzugeben. Man sollte sie nur begründen können. Zudem ist diese Aussage auch perfide, denn sie erlaubt es dem Gegenüber nicht, einen eigenen Geschmack zu pflegen. Schlimmer noch! Der vom eigenen abweichende Geschmack wird mit einem fehlenden Intellekt gleichgesetzt. Der vermeintlich Minderbemittelte kann dem in der Regel auch nichts entgegensetzen, denn er weiss, dass alles nur eine Frage der Perspektive ist. Doch wie soll man das jemandem Erklären, dem keine anderen Perspektiven interessieren?

Außer Konkurrenz: „Ich verstehe nicht, warum hier alle diesen Film so gut bewerten“

Dann lies Dir doch einfach die entsprechenden Kommentare durch...


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