Emmys 2018: Ein Game of Thrones-Sieg so langweilig wie Teile der Show


Emmy 2018
© FX/HBO/amazon Studios
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moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei nomandnosh.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Wer ein Argument für den Wert des linearen Live-Fernsehens brauchte, der wurde gegen halb vier Uhr heute Morgen mit einer Wagenladung rhetorischer Munition beliefert. Fernsehregisseur Glenn Weiss, soeben ausgezeichnet mit dem Emmy Award für die Inszenierung der diesjährige Oscar-Verleihung, stand auf der Bühne des Microsoft Theaters in Los Angeles und erklärte, warum er seine Partnerin in der Dankesrede nicht "Freundin" nennen wolle, sondern "Ehefrau". Das Publikum geriet ob des potenziellen Heiratsantrags ins Rasen, die Angesprochene schlug sich die Hände (hoffentlich) positiv schockiert vors Gesicht und Weiss, ganz der Regisseur, kostete den Moment aus. Während sie im Publikum schon eifrig nickte und die anwesenden Stars ihr es mit Jubel gleichtaten, zögerte er den großen Moment hinaus: Noch hatte er sie nicht gefragt. In den folgenden Minuten der 70. Verleihung der Primetime Emmy Awards kam sie auf die Bühne, er zeigte den Ring, sie sagte "ja". Und alles war so schnell wieder vorüber, dass die Zuschauer gar nicht recht ins Nachdenken kamen, ob das nun hochromantisch oder öffentliche Erpressung war, was da gerade abgelaufen war. Ein echter, unvorhergesehener Augenblick im besten Sinne. Einmal geblinzelt und schon waren die Moderatoren Colin Jost und Michael Che wieder auf der Bühne. Der hochzeitliche Herzrasen beruhigt, die Emmys wieder in ihrem motorischen Laufschritt gefangen, der im erwarteten Sieg von Game of Thrones als Beste Dramasiere sein Ende fand.

Die Moderation der Emmys enttäuschte dieses Jahr

Über weite Strecken fühlte sich diese Emmy-Verleihung wie eine drei Stunden lange,
mittelmäßige Folge von Saturday Night Live an. SNL hat diverse Emmy-Hosts der letzten Jahre hervorgebracht (etwa Jimmy Fallon, Andy Samberg und Seth Meyers), oft allerdings nachdem sie die Sketch Show verlassen und als echte Hosts Erfahrung gesammelt hatten. Dieses Jahr wurden die Awards Show-Neulinge Colin Jost und Michael Che aus dem SNL-Stall ins kalte Emmy-Wasser geschubst. Umgeben wurden sie mit vertrauten Cast-Mitgliedern. In der Auftaktnummer "We solved it!" geriet das zum Trumpf, da ein großes Preisverleihungs-Ensemble auch viele unterschiedliche Talente verspricht. Singen mussten Che und Jost nicht, das übernahmen die Kollegen Kate McKinnon und Kenan Thompson, unterstützt von unter anderem Kristen Bell, Tituss Burgess und Ricky Martin. Ironisch klopfte sich Hollywood da auf die Schulter ob all der "gelösten" Probleme rund um Diversität und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz. Damit boten die Emmys eine willkommene Abwechslung zum sich selbst allzu ernst nehmenden Oscar 2018.

Beim Running Gag um die sonst so einnehmenden Maya Rudolph und Fred Armisen als "Emmy-Experten" lief der SNL-Einfluss aus dem Ruder. Lang und zerfahren wirkten die Auftritte, wie ein Sketch, der Angst vor seiner eigenen (schlechten) Pointe hat. Dass wir es hier mit einer Jubiläums-Folge der Primetime Emmys zu tun hatten, war darüber hinaus kaum zu bemerken. TV-Legende Betty White erhielt stehende Ovationen, ein Mini-Einspieler zeigte kaum wahrnehmbare Schnipsel aus 70 Emmy-Verleihungen und hin und wieder wurde voller Bewunderung erwähnt, die Emmys hätten ja schon 1949 stattgefunden (ein Jahr alt war die TV-Industrie da, hieß es in einem Witz, Grund genug, sich selbst zu feiern, lautete die treffende Punchline). Colin Jost und Michael Che schienen, und das zeichnet sie auch bei SNL aus, insgesamt zu cool für diesen alten Scheiß zu sein, was auf den Rest der Verleihung dramaturgisch abfärbte. Bloß nicht die für Werbeeinnahmen so wichtigen Millennials und Generation Z verschrecken, lautete offenbar die Devise.

Bei den Emmys sorgten die Gewinner für Unterhaltung

So mussten es bei diesen Emmys die Gewinner richten. Glenn Weiss schoss den Unterhaltungsvogel mit seinem Heiratsantrag ab und Matthew Rhys lieferte ob des Spektakels sympathisch Gegenwehr. "Sie sagte", erklärte er, mit dem Emmy für den Besten Darsteller einer Dramaserie in der Hand, über seine ebenfalls nominierte Americans- und Lebensabschnitts-Partnerin Keri Russell, "'wenn du mir einen Antrag machst, schlag ich dir geradewegs auf den Mund.'"

Dass Rhys überhaupt ausgezeichnet wurde, mussten Fans der nach sechs Staffeln beendeten Serie The Americans dankend entgegennehmen. Jahrelang hatte die Television Academy nämlich das getan, worin sie erschreckend gut ist: eine der definierenden Serien einer Ära in den Hauptkategorien zu ignorieren. The Americans über sowjetische Spione in den USA der 80er Jahre ist für das Peak-TV das, was The Wire und Die Sopranos für das Goldene Serienzeitalter waren. The Wire, das kann nicht oft genug traurig belächelt werden, wurde nie mit einem Primetime Emmy ausgezeichnet. The Americans ist glücklich davongekommen, auch wenn der Sieg von Claire Foy gegen Keri Russell schmerzt. Claire Foy macht ihre Netflix-Prestige-Serie besser, aber das heißt noch lange nicht, The Crown ist gut.

Der Game of Thrones-Sieg zeugt von Emmy-Langeweile

Wenn den Emmys nämlich eine Blockbuster-Serie auf die Pelle rückt - stellt euch den feuerspeienden Antrag in aller Öffentlichkeit vor - dann können die Wähler kaum "nein" sagen. Game of Thrones hatte vergangenes Jahr ausgesetzt, was den Weg für die dystopische Adaption The Handmaid's Tale freimachte. 2018 kehrte die Fantasy-Serie mit ihrer bisher aufwendigsten Staffel zum Emmy zurück. Die Kategorie beste Dramaserie war ihr sicher und was wollen wir uns auch beschweren, wenn die Konkurrenz ästhetische Nulllinien wie Stranger Things und The Crown beinhaltet.

Das Kuddelmuddel um limitierte Serien, Dramaserien und TV-Filme höhlt die Drama-Kategorie bei den Emmys aus. Im Prinzip gibt es zwei Drama-Hauptkategorien, dank der limitierten Serie, wo sich Anthologieserien und echte Miniserien treffen, alles überwiegend Dramen. The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story setzte sich hier gegen Godless und Patrick Melrose durch. Twin Peaks: The Return schaffte es gar nicht in die Auswahl, womit sich die Emmys für die Irrelevanz bereits empfehlen. Hinzu kommt Netflix' Black Mirror, die sich der Konkurrenz ganz entzieht, in dem sie mit einer Folge (USS Callister) im Bereich TV-Film abräumt. Neben echten Filmen wie The Tale mit Laura Dern ist das schlicht lächerlich.

Das Kategorien-Geschacher zeigt, wie die Emmys noch immer von der Flut der Serien und Serien-Formen überfordert werden. Im Comedy-Bereich regierte demgegenüber die Übersicht mit so unterschiedlichen Serien wie GLOW, Atlanta, Barry, Unbreakable Kimmy Schmidt und Silicon Valley in ein und derselben Kategorie. Gerade für Atlanta, eine Serie, die sich in Staffel 2 noch einmal enorm weiterentwickelt hat, und die wie wenige an diesem Abend mit Genres und zeitgeschichtlichen Bezügen spielt, wäre dieser Emmy verdient gewesen.

The Marvelous Mrs. Maisel von Amazon und Amy Sherman-Palladino ging als Sieger hervor. Streaming und Premium-Kabel-Anbieter, so weit sind die Emmys seit einer Weile doch schon, wurden gleichermaßen für die Hauptpreise auserkoren. Mrs. Maisel bot dabei viel Frische in einer im Finale abgestandenen Nacht. Sherman-Palladino begeisterte mit mehreren liebenswert ruppigen Dankesreden, die trefflich zur Serie passen, in der eine Hausfrau Ende der 50er Jahre ihren geheimen Traum einer Comedy-Karriere antritt. 1958 beginnt die Serie, um genau zu sein. Es ist eine Schwellenzeit. Die sexuelle und kulturelle Befreiung des kommenden Jahrzehnts lässt sich in den Comedy-Kellern bereits erschnuppern, aber bei Tageslicht regiert die reaktionäre Eisenhower-Ära. Der perfekte Emmy-Sieger für dieses Hollywood jetzt in diesem Moment.

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