Grenzüberschreitungen im Horrorfilm - Ein notwendiges Übel


Martyrs
© Tiberius
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"I read about this guy, gets on the MTA here, dies. Six hours he's riding the subway before anybody notices his corpse doing laps around L.A., people on and off sitting next to him. Nobody notices."

Seit es das Kino gibt, wird das Medium regelmäßig von Bildern begleitet, die über die Grenzen des Bekannten, Zumutbaren oder gar Erträglichen hinausgehen. Einen der frühesten Schockmomente stellte für das unvorbereitete Publikum 1895 das erste Bewegtbildmaterial namens Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat der Brüder Lumière dar. Dabei waren die panischen Reaktionen der Zuschauer auf die Unkenntnis gegenüber dem Kino zurückzuführen, wodurch Menschen in Scharen aus dem Saal stürmten, da sie dachten, der Zug würde tatsächlich durch die Leinwand hindurch auf sie zurasen. Ein Bild, das in der frühen Geschichte des Kinos eine wahre Grenzüberschreitung markiert, stammt hingegen aus Ein andalusischer Hund, dem surrealistischen Klassiker schlechthin.

Aus dem gut 18-minütigen Werk, das der Regisseur Luis Buñuel und der Maler Salvador Dalí nach ihren Albträumen formten, sticht eine Einstellung besonders hervor. Darin ist das Auge einer Frau in Nahaufnahme zu sehen, das mit einem Rasiermesser durchtrennt wird. Einen expliziten Moment wie diesen hat es im Kino zuvor noch nicht gegeben und doch ist das durchgeschnittene Auge aus Ein andalusischer Hund lediglich der Startschuss für eine Tradition von Grenzüberschreitungen, die für das Kino sowie speziell das Genre des Horrorfilms ein notwendiges Übel darstellen. Im Rahmen unserer Themenspecial Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 ist es an der Zeit, einen genaueren Blick auf dieses Extrem zu werfen.

Grenzüberschreitungen außerhalb des Horror-Genres

Im Verlauf der Filmgeschichte wurde das Kino zahlreichen Grenzüberschreitungen ausgesetzt. Dabei sind diese extremen Momente oder Szenen nicht immer zwingend im Horror-Genre verwurzelt. Ein Beispiel dafür ist Funny Games von Michael Haneke, der sich nur unklar zwischen Drama, Satire, Gewaltreflexion und menschlichem Horror verorten lässt. In dem Film wird eine dreiköpfige Familie in ihrem Ferienhaus am See von zwei unscheinbar wirkenden Eindringlingen brutal terrorisiert. Während Hanekes Werk durchwegs eine Atmosphäre der kaum erträglichen Anspannung und Beklemmung erzeugt, brennt sich vor allem ein Moment daraus besonders beim Betrachter ein.

Als es der Ehefrau gelingt, einen der beiden Täter zu erschießen, spult der andere das Geschehen mit einer Fernbedienung einfach zurück und lässt den Toten wieder auferstehen. Ein Kniff von schonungsloser Grausamkeit, der in Verbindung mit dem Bild des zuvor erschossenen kleinen Jungen der Familie besonders erschüttert. Ebenso lässt sich der japanische Skandalfilm Im Reich der Sinne dem sogenannten Cinema of Transgression (Kino der Überschreitung) zuordnen. Hier endet die gewaltvolle, sadomasochistische Liebesbeziehung zwischen dem Besitzer eines Geisha-Hauses und einer seiner bediensteten Prostituierten in dem grenzüberschreitenden Akt, bei dem die Frau dem Mann in einer expliziten Aufnahme den Penis abschneidet. Eine Szene, aufgrund der Im Reich der Sinne damals auf der Berlinale Berlinale nicht unzensiert gezeigt werden durfte. Ein eigenes Kapitel für sich wäre als Höhepunkt des grenzüberschreitenden Kinos außerhalb des Horror-Genres Die 120 Tage von Sodom, die schockierendste Auseinandersetzung mit dem Faschismus aller Zeiten und eine einzige filmgewordene Grenzüberschreitung.

Grenzüberschreitungen im Horror-Genre

Häufigere Grenzüberschreitungen lassen sich speziell im Horrorfilm ausmachen. Ein logischer Umstand, geht es bei diesem Genre doch immer wieder darum, die persönlichen Grenzen des Publikums auszuloten und zu testen, wie viel dem Zuschauer ab einem gewissen Punkt noch zugemutet werden kann. Im Horrorfilm werden diese Überlegungen bewusst so radikal wie in keinem anderen Genre an bestimmte Grenzen und darüber hinaus getrieben. In Nekromantik beleuchtet der deutsche Regisseur Jörg Buttgereit das Verhältnis eines Mannes und dessen Freundin, die nur dann sexuelle Lust verspüren kann, wenn sie diese mit einer Leiche teilt. Begünstigt wird diese nekrophile Neigung dadurch, dass der Protagonist bei einer Firma arbeitet, die bei Todesfällen für die Säuberung der Schauplätze tätig ist und dadurch direkten Zugang zu den Toten hat.

Ähnlich grenzüberschreitende Bilder besitzen auch Filme wie Nackt und zerfleischt, in denen sich fiktiv inszenierte, explizite Tötungen von und durch kannibalistische Ureinwohner mit realen Tiertötungen abwechseln, während Werke wie Ich spuck' auf dein Grab innerhalb des Rape-and-Revenge-Subgenres ungeahnt brutale Darstellungen der filmischen Vergewaltigung offenbarten. Einen neuen Meilenstein des transgressiven Films im neuen Jahrhundert setzte neben skandalträchtigen Streifen wie Human Centipede - Der menschliche Tausendfüßler (der Titel ist weitestgehend Programm) und der als politische Parabel gedachte Extrem-Schocker A Serbian Film die Welle des französischen Terrorkinos. Neben bekannten Vertretern daraus wie High Tension, Inside und Frontier(s) lohnt sich insbesondere bei dem buchstäblich qualvollen Folter-Endpunkt Martyrs von Pascal Laugier ein genauerer Blick.

Martyrs als radikaler Endpunkt des grenzüberschreitenden Horrorfilms

Ebenso wie in den anderen Filmen des französischen Terrorkinos steht auch in Martyrs die Zerstörung des menschlichen Körpers im Mittelpunkt. Mit seinem höchst radikalen Werk geht Regisseur Pascal Laugier jedoch noch einen Schritt weiter als die Vorgänger dieser filmischen Strömung. Was zunächst als äußerst intensive Mischung aus Home-Invasion-, Rache- und Geister-Film beginnt, nimmt spätestens in der zweiten Hälfte eine Wendung hin zum puren, reduzierten Folter-Film, in dem die vollständige seelische wie körperliche Zerstörung der Protagonistin im Mittelpunkt steht.

Dabei nimmt Pascal Laugier den Titel seines Films wörtlich. In Martyrs versucht eine Art Geheimbund das zu ergründen, was sich jenseits des Irdischen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod befindet und nur mithilfe unvorstellbarer Schmerzen in den Augen eines Opfers, dem ultimativen Märtyrer, erkennbar wird. Hierdurch wird Laugiers Werk zu einem transzendenten Film, der bisher gekannte Folter-Motivationen auf eine neue Ebene hebt und gleichzeitig die Transzendenz selbst zum zentralen Thema macht. Inspiriert durch die philosophischen Schriften von Georges Bataille und Marquis de Sade verhandelt Laugier in Martyrs auf radikale Weise, mit den extremsten Stilmitteln des Horror-Genres, Fragen über Möglichkeiten der Unsterblichkeit sowie unerklärliche Sphären am Rande des menschlichen Verständnisses. Zuletzt besiegelt ein finaler Schuss in den Kopf Martyrs als den konsequenten Endpunkt des Terrorfilms, der die Grenzüberschreitung wie nur wenige andere Filme als notwendiges Übel auffasst, um das Publikum an neue Grenzen zu treiben.

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