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Ihr habt doch alle keine Ahnung!


Fear and Loathing in Las Vegas
© Universal Pictures
Fear and Loathing in Las Vegas

Um eines klarzustellen. Der folgende Beitrag wurde mit einem zwinkernden Auge verfasst. Mir geht es hier weder darum irgendwen zu beleidigen, noch darum mich über irgendwen anderen zu stellen. Ich spiele hier mit überspitzten Stereotypen die nur den Zweck erfüllen sollen zu unterhalten, und vielleicht sogar eine Diskussion anzuregen. Ich gehe davon aus, dass sich jeder von uns in der einen oder anderen Kategorie wiederfindet. Mich mit eingeschlossen.

Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird ausschließlich die grammatikalisch männliche Form verwendet. Diese versteht sich als explizit geschlechtsneutral. Auch Frauen und alle anderen Geschlechter können sich aus dem was gleich kommt nicht rausreden.


1) „Mir macht keiner was vor“ (Der Logik-Freak)

Häufig ist dieses Exemplar bei Science Fiction Filmen vorzufinden. Er ist selten alleine. Kaum hat er damit losgelegt auf vermeintliche Logiklöcher aufmerksam zu machen, startet eine populärwissenschaftliche Diskussion darüber was physikalisch machbar ist oder nicht. Da wird über Antriebe schwadroniert, über Tiefkühlkammern oder über Spaziergänge im All. Es scheint so, als hätten die Betroffenen einen Lehrstuhl in Astrophysik und ganz vergessen, dass Science Fiction aus zwei Begriffen besteht, und die Betonung auf letzterem dieser beiden liegt. Wenn all das was im Film zu sehen ist möglich wäre, dann würden wir bereits fremde Galaxien bereisen, mit Lichtgeschwindigkeit fliegen oder das Geheimnis schwarzer Löcher entschlüsselt haben.

Aber auch in anderen Genres gibt es eine etwas weniger radikale Ausprägung des Logik-Freaks:


2) „Wie und wieso hat er das jetzt gemacht?“ (Der Erklärungs-Freak)

Anders als der Logik-Freak, wirft der Erklärungs-Freak dem Film zwar keine „Fehler“ vor, bekommt aber scheinbar einen neurotischen Schub, wenn er nicht für alles eine Erklärung bekommt. Unabhängig davon, ob dies für den Film überhaupt relevant ist. Ich erinnere mich an eine Diskussion darüber, dass jemand „Arrival“ vorgeworfen hat dem Zuschauer keine Erklärung abgeliefert zu haben, warum die Aliens zur Erde gekommen sind. Um bei diesem Beispiel zu bleiben, welchen Mehrwert für die eigentliche Essenz des Filmes hätte eine Erklärung gebracht, zumal keiner der Protagonisten eine Erklärung hierfür hatte? Es sind oft die gleichen Leute, die generell Schwierigkeiten mit Erzählinstanzen haben, die nicht allwissend sind, und die Schwierigkeiten mit offenen Enden haben. Prinzipiell ist es ja durchaus menschlich und lobenswert, dass man alles verstehen will. Aber genau solche Leerstellen machen doch die Faszination von Geschichten aus. Hier fängt der Zuschauer nämlich an selbst zu arbeiten, und sich Erklärungen zu suchen. Er wird nie DIE Erklärung finden, aber der Film wird ihn weiterhin beschäftigen. Im Audiokommentar von „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ sagt jemand auf die Frage warum da jetzt einer etwas bestimmtes bewerkstelligen konnte, dass dies doch egal sei. Fakt ist, dass es wohl irgendwie möglich war, sonst wäre er jetzt ja nicht da wo er jetzt ist.

Wie findet man nun heraus ob man selbst ein Erklärungs-Freak ist? Man sieht sich „The Limits of Control“ an. (SPOILER ANFANG) Wer auf Bill Murrays Frage wie der Herr aus meinem Profilbild denn reingekommen sei, mit der Antwort “I used my imagination” unzufrieden ist (SPOILER ENDE), hat zumindest Ansätze eines Erklärungs-Freaks in sich. Vermutlich weil der Filmmarkt mit genau solchen Filmen überschwemmt ist, die Jarmusch mit diesem Streifen kritisiert.


3) „Ihr habt doch alle keine Ahnung!“ (Der Kritiker-Kritiker)

Das ist eine ganz kuriose Spezies. Hier wird nämlich auf der Filmseite nicht der Film selbst kritisiert, sondern die anderen Kritiken zu diesem. Ein Glück gibt es diese kritisierten Kritiken aber, ansonsten würde man über den Film recht wenig erfahren. Die Meinung des Kritiker-Kritkers bleibt dabei nebulös. Sicher kann man nur darüber sein, dass er mit anderen nicht konform geht. Was ihn aber derart rabiat macht, wird man wohl nie erfahren.


4) „Toller Film“ (Der Minimalist)

So ganz versteht man nicht, warum der Minimalist überhaupt einen Kommentar abgibt. Wenn jemand einem Film 0 Punkte gibt, gleicht ein Kommentar wie „Schrott“ einem Pleonasmus. Und dass ein Film ein „Toller Film!“ ist (meist sogar ohne Ausrufezeichen, da zuviel Arbeit), war bei einer Bewertung von 10 Punkten auch abzusehen.

Der Minimalist lockt in der Regel unverzüglich eine andere Spezies hervor:


5) „Das geht so aber nicht“ (Der Belehrer)

Der Belehrer schreibt selten eigene Kommentare, ist aber sofort zur Stelle, wenn ein Minimalist zu einem allseits bekannten Film wie „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ ein hochlobendes „Geil“ als Kommentar abgibt. Dann wird erstmal klar gestellt, dass man sich so kein Bild über den Film machen könne, und eine Erklärung darüber was denn so geil an den Jedi-Rittern sei, essentiell wäre, um sich ein bessere Meinung zu bilden. Ganz so, als sei dies der einzige Kommentar eines obskuren Films von dem der Belehrer noch nie etwas gehört hätte.

Der gleiche Belehrer ist dann oft auch zur Stelle, wenn es darum geht Bewertungen in Frage zu stellen. Sei es in dem Fall, dass der Delinquent einen Film bewertet hat, obwohl er die Frechheit besessen hat ihn nicht zu Ende zu sehen, oder in dem etwas selteneren, dafür aber um so neurotischeren Fall, dass der Kommentar nicht mit der Benotung übereinstimmt, und man gefälligst statt einer 7 doch bitteschön eine 7,5 vergeben solle. Die größten Verbrecher sind laut Belehrer jedoch die, die 0 Punkte für einen Genrefilm geben, dessen Genre dem Bewerter eigentlich gar nicht gefällt. Das geht mal gar nicht! Staatskrise!


6) „Hätte mich mal der Regisseur vorher gefragt...“ (Der Konservative)

Ihn trifft man bei Genrefilmen an, die mal etwas neues ausprobieren. Nun muss nicht jedes neue Experiment gefallen, und es ist sicherlich nicht falsch dies zu betonen. Es wird aber oft so dargestellt, dass dem Regisseur ein Fehler unterlaufen sei. Relativ aktuelles Beispiel ist „Dunkirk“, bei dem Nolan vorgeworfen wird, er hätte eine schlechte Charakterenzeichnung vollführt, und daher gelinge kein empathischer Aufbau zu den Protagonisten. Dies muss man tatsächlich nicht gut finden, aber dass dies intendiert war um einen gänzlich anderen Effekt zu erzielen, wird nicht nur nicht erkannt, sondern regelrecht verboten. Der Konservative outet sich als Bewahrer der ungeschriebenen Genreregeln, gar so als seien diese in der Genfer Konvention festgelegt worden. Ein guter Film ist dann als solcher zu erkennen, wenn diese Regeln befolgt werden. Nach irgend etwas muss man ja seine Meinung richten.


7) „... für dumme und minderbemittelte...“ (Der Frustrierte)

Der Frustrierte ist nicht ganz so häufig wie die oberen Kritiker. Man erkennt ihn am besten daran, wenn man seine Kommentarseite aufruft. Er schreibt grundsätzlich nur Kommentare zu schlechten Filmen. Dabei fällt auf, dass er so ziemlich alles schlecht findet, und selten mehr als 2 Punkte vergibt. Wenn überhaupt. Er kennt erstaunlich viele schlechte Filme, Serien oder Fernsehsendungen, die er natürlich selbst niemals gucken würde, erstaunlicherweise aber unfassbar viel dazu sagen kann. Im Prinzip stellt der Frustrierte eine extreme Version des Kritiker-Kritikers dar, denn meistens wird den Liebhabern jener kritisierten Filme fehlender Intellekt attestiert. Böse Zungen behaupten, dass jeder Mensch jemanden braucht, um seinen Selbstwert aufzupimpen und von sich selbst abzulenken.

Wie bei allen Frustrierten sollte man auch diesen in Ruhe lassen. Manchmal treffen sich dann auch mehrere Frustrierte und starten so eine Art Selbsthilfegruppe in der sie über das Fußvolk herziehen.


Außer Konkurrenz: „Danke Merkel!“ (Der Troll)

Auf Moviepilot nur sehr selten anzutreffen, daher außer Konkurrenz. Irgendwie schafft dieser jedes Gespräch immer wieder auf das gleiche langweilige Thema hinzuführen. Eine erstaunliche Leistung...


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