One Cut of the Dead ist das Horror-Phänomen des Jahres


One Cut of the Dead
© Nikkatsu
One Cut of the Dead
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei nomandnosh.com, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Das Publikum beim Filmfestival in Sitges hat sich auf One Cut of the Dead gestürzt wie ein Zombie auf frisch durchblutetes Menschenhirn. Es wurden die Hände wund geklatscht, gelacht und am Ende stehend das anwesende Filmteam bejubelt. Sofort war offensichtlich, warum dieser günstige kleine Film von ein paar Unbekannten sich in Japan zum Horror-Phänomen des Jahres entwickeln konnte. 27.000 Dollar hat er gekostet, gedreht wurde er mit Studenten einer Filmschule in Tokio. Über 20 Millionen Dollar hat das Spielfilmdebüt von Regisseur Shin'ichirô Ueda bislang in seinem Heimatland eingespielt. Geplant werden konnte dieser Erfolg nicht. Mundpropaganda, eine Festival-Premiere, ein Verleih zur richtigen Zeit am richtigen Ort und ein eindrucksvolles Gimmick kamen dem Phänomen jedoch entgegen. Denn die Horrorkomödie One Cut of the Dead beginnt mit einer 37 Minuten langen Sequenz ohne Schnitt, in der das Filmteam eines Zombie-Streifens von echten Untoten angefallen wird. Das Blair Witch Project trifft auf Shaun of the Dead, nur um diese Erwartungen dann zu unterlaufen. Denn während andere Filme sich im Schatten einer solchen Plansequenz abmühen, setzt One Cut of the Dead auf unerwartete Weise noch einen drauf. Einen sympathischeren Hype wird es dieses Jahr nicht geben.

Je weniger ihr über One Cut of the Dead wisst, desto besser

Kurzes Geständnis mittendrin: Ich kann Plansequenzen nicht mehr sehen. Wenn es eine aufregende 3D-Erfahrung ist wie in Bi Gans geisterhaftem Long Day's Journey Into Night, dann empfange ich sie natürlich mit offenen Armen, ebenso wenn Alfonso Cuarón mal eben seinen besten Film dreht oder sich eine Max Ophüls-DVD in den Player schleicht. 99,8 Prozent aller Plansequenzen in aktuellen Filme und Serien würden neben Ophüls allerdings vor Scham in Tausend Einzelszenen zerspringen. Digitale Tricksereien haben zu einem Überangebot an langen, komplexen Sequenzen ohne Schnitt geführt, bestens verkörpert durch die diversen Flur-Kampfszenen in Marvel's Daredevil. In denen quält sich jeder Hieb und jeder manipulierte Pixel mühsam bis zur Ziellinie des sichtbaren Schnitts. Hauptsache, die technische und logistische "Meisterleistung" wird vollendet.

Ambitionen dieser Art verdienen durchaus Respekt. Plansequenzen sind häufig jedoch wenig mehr als Prahlerei, die aus dem Film oder der Serie herausreißt. Selten heischen Filmemacher derart um Aufmerksamkeit beim Zuschauer wie mit komplexen Kamerabewegungen - und wie auch nicht? Sie sind leichter zu beschreiben, leichter zu umjubeln und letztlich leichter zu verkaufen als der Schnitt, von dem es im Klassischen Hollywood-Kino hieß, er müsse unsichtbar sein. Weniger kunstvoll war er deswegen nicht. Gute Plansequenzen übernehmen selbst eine Art Montage.

So viel zu diesem minimal genervten Exkurs. Mit entsprechenden Befürchtungen habe ich mir in Sitges nun das "Horrorphänomen" One Cut of the Dead angesehen, das eigentlich eher eine Satire des Versuchs darstellt, ein Horrorphänomen wie One Cut of the Dead zu konstruieren. Klingt meta, ist es auch. Denn so viel sei verraten - je weniger ihr vorher wisst, desto besser - echte Zombies gibt es in One Cut of the Dead nicht, dafür jede Menge enthusiastische Filmschaffende, vom trinkenden Zombie-Statisten bis zur Kamera-Assistentin, die endlich mal selbst ans Werk will.

Neben One Cut of the Dead sehen die teuersten Spezialeffekte seelenlos aus

One Cut of the Dead sozusagen diametral entgegengesetzt ist der ebenfalls aus Japan stammende Inuyashiki von Regisseur Shinsuke Sato. Der ist sowas wie der Ersthelfer für Manga- und Anime-Adaptionen und verfilmte schon Gantz, I Am A Hero und Bleach. Diesmal bringt er die Geschichte eines todkranken Familienvaters (Noritake Kinashi) auf die große Leinwand, der eines Nachts ein Leuchten am Himmel sieht und am nächsten Morgen als geheilter Cyborg-Superheld aufwacht. Sein Superschurke, ein vom Leben entfremdeter Teenager (Takeru Satoh), wird in derselben Nacht geboren. In Inuyashiki trifft Akira Kurosawas Altherrendrama Ikiru - Einmal wirklich leben auf Iron Man und das ist kein an den Haaren herbeigezogener Vergleich. Der Papa ist zu alt und zu uncool für seine Kinder, wird auf Arbeit erniedrigt und von seiner Familie wie ein ständig im Weg stehendes Möbelstück behandelt. Ihm wäre zuzutrauen, dass er mit seinen neuen Kräften Amok läuft. Stattdessen tut es der junge Mann, während der Herr im Krankenhaus Kinder heilt.

Dem im Großen und Ganzen spaßigen Abenteuer (einmal fliegt unser Held mit seinem treuen Shiba-inu im Arm durch die Nacht!) hängt ein implizit ausgespucktes "Die Jugend von heute!" an. Im Grunde legt er Held und Schurke auf die Waage, schichtet ihnen Schicksalsschläge auf und wartet, wer von beiden durchdreht, ohne tieferes Verständnis dafür, wie das Ungleichgewicht zwischen Gut und Böse zustande kommt. Außer eben, dass der eine auf die eine Seite gehört und der andere auf die andere. Inuyashiki bleibt Hochglanzunterhaltung, kompetent umgesetzt und doch nicht halb so unterhaltsam wie der 27.000-Dollar-Film eines No-Name-Debütanten.

Die vielbeschworene Plansequenz in One Cut of the Dead ist an für sich ein netter, vergessenswerter Spaß, der eher dadurch beeindruckt, dass er mit minimalem Budget umgesetzt werden konnte. Was den japanischen Festival-Hit aus der selbst geschaufelten Grube dieses Gimmicks verhilft, ist seine clevere Auseinandersetzung mit genau diesem Stilmittel. Wie es geschieht, sei hier nicht verraten, im Nachhinein allerdings kann man One Cut of the Dead alles vorwerfen - dass er nicht viel mehr spielen lässt als seinen Low Budget-Charme, dass die satirischen Aspekte die Schärfe eines Daunenkissens besitzen - und so weiter. Über eines allerdings kann ich mich nicht beschweren: dass der Film nämlich den Einsatz der schnittlosen halben Stunde nicht sinnig begründet. Das unterscheidet dann wohl den Hype vom Phänomen. Was bei anderen nur ein Gimmick bleibt, wird in One Cut of the Dead integral für die clever eingefädelte Story. Ohne die Plansequenz gäbe es diesen Film nicht.

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