Ricks qualvoller Abschied zeigt, wie gut The Walking Dead sein kann


The Walking Dead - Staffel 9, Folge 5: What Comes After
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The Walking Dead - Staffel 9, Folge 5: What Comes After
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Wie fühlt es sich an, wenn Rick Grimes (Andrew Lincoln) geht? Diese Frage prangerte seit Beginn der 9. Staffel von The Walking Dead über den Entwicklungen in der Zombie-Apokalypse, die uns nun seit acht Jahren begleiten. Basierend auf Robert Kirkmans gleichnamiger Comicvorlage hat sich die TV-Adaption in ein eigenes Phänomen verwandelt, das die gegenwärtige Popkultur prägt wie derzeit serientechnisch nur Game of Thrones. Mit dem Ausstieg von Hauptdarsteller Andrew Lincoln bringt die 9. Staffel nun die mit Abstand größte Veränderung der Serie mit sich. Wenngleich wir inzwischen wissen, dass die Geschichte von Rick Grimes noch lange nicht zu Ende ist, gestaltet sich sein Schwanengesang als einnehmendes Kapitel, das sich komplett der The Walking Dead-Mythologie verschrieben hat und mit einer überwältigenden Bandbreite an Emotionen punktet. Dieser Serienabschied wurde mehr als gebührend inszeniert, obgleich eine gewisse Endgültigkeit fehlt.

Bevor Rick aus The Walking Dead verschwindet, will sich Maggie an Negan rächen

The Walking Dead-Urgestein Greg Nicotero fungiert als Regisseur der 5. Folge der 9. Staffel, die den symbolträchtigen Titel What Comes After trägt. Zu leicht lassen sich die drei Worte auf Rick beziehen, ausgesprochen werden sie jedoch in einem anderen Kontext. Maggie (Lauren Cohan) ist nach ihrer unheilvollen Ankündigung endlich in Alexandria angelangt, um Negan (Jeffrey Dean Morgan) und dem ungelösten Schmerz des letzten Staffelfinales ein Ende zu bereiten. Jetzt steht ihr nur noch Michonne (Danai Gurira) gegenüber, ehe sie den schicksalhaften Akt zwischen Rache und Gerechtigkeit vollenden kann. Die Zeit der Gnade ist vorbei. Nun ist die Zeit gekommen, um einen längst überfälligen Schlussstrich zu ziehen, selbst wenn dieser am Ende des Tages den Beginn von etwas Neuem, etwas Unberechenbaren darstellt. Was also danach kommt, berührt zwangsläufig nicht nur Rick, sondern alle Akteure dieser Welt, die im Begriff sind, eine Entscheidung für die Zukunft zu treffen.

Matthew Negrete, der gemeinsam mit Ex-Showrunner Scott M. Gimple das Drehbuch von What Comes After entwickelte, vermag es selbst in Anbetracht der großen Abschiedsgesten dieser Folge den Neuanfang mit ungeheuerlicher Kraft zum Ausdruck zu bringen. Ob Maggie mit den Konsequenzen ihres Handelns leben kann, fragt Michonne, bevor die Hilltop-Anführerin in den Schatten von Negans Gefängnis herabsteigt. In der Dunkelheit begegnet sie allerdings einem Menschen, den sie nicht wiedererkennt, gerade deswegen aber nicht vertrauen sollte. Genüsslich beschreibt der eingesperrte Bösewicht, wie er einst in jener Nacht im Wald Glenns Gesicht mit roher Gewalt zermalmte. Im Licht entblößt er sich dagegen als Leidender, der mit seinem Bart dem Rick der letzten Staffel erschreckend ähnlich sieht. Da liegt Negan am Boden und jammert. Ein Jammern, das Maggie von einer weiteren Gewalttat abhält. Die Hölle auf Erden ist die ultimative Strafe, vielleicht aber auch die ultimative Chance.

Ricks Abschied - Ein Schwanengesang in der Zombie-Apokalypse

Welches Spiel Negan genau spielt, will uns The Walking Dead nicht verraten. Uns bleiben lediglich die versteckten Hinweise der letzten Woche, als er davon sprach, dass Rick die Welt auf seine Rückkehr vorbereiten würde. Da Rick entgegen Maggies ursprünglichen Plänen bis zum Abspann der Folge noch am Leben ist, existiert diese beängstigende Möglichkeit weiterhin. Viel wichtiger - und das ist Negan womöglich selbst nicht bewusst - ist das Umdenken, das die Konfrontation in Maggies Kopf angestoßen hat. Mit dieser Entscheidung kann sie nicht nur leben, sondern auch überleben. Dass das Überleben in The Walking Dead wichtiger ist denn je, zeigt derweil Ricks unerbittlicher Kampf gegen den Tod, der auf gleich mehreren Wegen seinen Weg in What Comes After gefunden hat. Zuerst wäre da eine Stahlstange, die nach acht Staffeln qualvoller Rick-Momente die bisher schmerzlichsten Schreie provoziert. Wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, zappelt er - und schafft es dank absoluter Selbstüberwindung, dem jüngsten Cliffhanger zu entkommen.

Was folgt, ist ein Schwanengesang, der Rick durch prägende Stationen der Zombie-Apokalypse führt, während ihn ein Meer aus Untoten verfolgt. Es ist ein unglaublich kraftvolles Bild, wie sich Rick mit letzten Kräften auf das Pferd zieht, verkrampft vor Schreien, aber mit dem Willen zu Überleben. Hinter ihm wirbelt die Beißer-Herde Staub auf und verwandelt sich in eine unaufhaltsame Welle der Zerstörung, die später mit der Wucht eines Wasserfalls alles einreißen soll, was Rick aufgebaut hat. Die Schwemme an Toten hört an diesem Punkt noch nicht auf. Während sich Rick zunehmend im Delirium verliert, öffnet sich ein Tor in die Vergangenheit, das Shane (Jon Bernthal), Hershel (Scott Wilson) und Sasha (Sonequa Martin-Green) für kathartische Gespräche zurück in die Serie bringt und vor allem mit damit zurückeroberten Orten für Gänsehaut sorgt, angefangen bei den klaustrophobischen Gängen des Krankenhaus bis hin zur ländlichen Idylle von Hershels Farm.

Rick Grimes und sein ewiger Begleiter, der Tod

Es ist keine Best-of-Montage, die Ricks Nahtoderfahrung dominiert, sondern ein weiterer Fiebertraum nachdenklicher Momente, in denen er sich auf keinen Fall verlieren darf. The Walking Dead stimmt diese Woche nostalgisch - keine Frage. Dass Rick aber immer wieder aufwachen muss, weil es eine Zukunft zu bestreiten gibt, betont die Folge ebenso, insbesondere dann, wenn er in einem Niemandsland aus Leichen inmitten der leblosen Körper verschwindet, je weiter die Kamera zurückfährt und damit eine faszinierende Unendlichkeit des Todes offenbart. Zuvor war von der Schönheit des Sonnenuntergangs die Rede, während sich die Suche nach seiner eigenen Familie - also jene Motivation, die Rick vor all den Jahren auf einem Pferd ins Herz der Zombie-Apokalypse geführt hat - als roter Faden durch das verträumte wie unheimliche Jenseits führt. In der Welt der Toten wird Rick seine Familie aber niemals finden, dafür muss er zurück, in die echte Welt, wo ein Strom mitreißender Gefühle auf uns wartet.

Rick muss die Brücke, die er mühsam errichtet hat, wieder einreißen. Mit letzten Kräften sprengt er sie in die Luft und verschwindet mit einem Knall, der in den geschockten Gesichtern seiner Freunde nachhallt und buchstäblich eine klaffende Lücke hinterlasst. Das Wasser behauptet in diesem widersprüchlichen Augenblick zwischen Ende und Neuanfang einmal mehr seine rettende wie zerstörerische Kraft und beschert uns sogar einen Gänsehaut erregenden Krieg der Welten-Gedächtnismoment, wenn die Leichen auf der Oberfläche schwimmen, ehe sich Rick aus dem Meer der Toten ans Ufer rettet. Jadis (Pollyanna McIntosh), die sich eingestehen muss, dass sie in Rick niemals ein "A", sondern einen Freund hatte, stellt im Anschluss die Weichen für Andrew Lincolns Zukunft im The Walking Dead-Universum. Erneut wacht Rick in einem (alternativen) Krankenhaus auf, während die Musik im Hintergrund von einer neuen Welt kündet und seine Familie überlebt hat. Hallo, Judith Grimes.

Alle Recaps zur 9. Staffel von The Walking Dead

Die 9. Staffel von The Walking Dead wird sonntags in den USA auf AMC ausgestrahlt und ist hierzulande einen Tag später auf FOX und über Sky Ticket zu sehen. Unsere Besprechungen der einzelnen Folgen gibt es auch als Live-Stream und Podcast.

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