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Textgeschenke zum Geburtstag #16

Roman Polański -  Der Meister des Makabren wird 85


Zum 85. Geburtstag
© Prokino
Zum 85. Geburtstag

Wenn Roman Polański eines mit Sicherheit ist, dann ein Überlebender. Vieles, was ihm in seinem bewegenden Leben widerfahren ist verarbeitete er ohne Zweifel in seinen Filmen. Und das auf eine gewinnbringende, mysteriöse Art und Weise. Doch genau das macht sie auch aus. Diese Düsternis abseits der Menschlichkeit, das Makabere und Rätselhafte, welches die Angst schürt und im Halbdunkel lauert. Mit seinem Händchen für spannende Kammerspiele und außergewöhnliche Psycho-Thriller zeigt Polański uns menschliche Abgründe, lehrt uns Angst uns Schrecken und würzt diese mit seinem absurden Sinn für Humor.

Wir möchten hier seine Filme in den Mittelpunkt stellen und nicht entschuldigen, was in seinem Privatleben vorgefallen ist. Die Kontroverse über Polańskis "Real-Life"-Verbrechen überschattet seine Filme, aber es ist nicht zu bestreiten, dass er einen entscheidenen Beitrag als Regisseur für die Filmindustrie geleistet und uns einige Meisterwerke und Klassiker geschenkt hat, die wir weiterhin als solche betrachten sollten.

Im Rahmen der Aktion Textgeschenke zum Geburtstag haben sich wieder einmal ein paar moviepiloten mit ausgewählten Filmen eingehender befasst und Texte dazu verfasst, die wir euch hier gesammelt präsentieren möchten. Es entstanden 6 Texte zu Polanskis Filmen, die jeweils unterschiedliche Herangehensweisen verfolgen, doch jeder auf seine Art die Beziehung und die Faszination zu seinen Filmen darstellt.


vPidschv über Ekel (1965)

Don't look so sad. The time will pass very quickly.

Die obrigen Worte sagt Helen zu ihrer kleinen Schwester Carol, bevor sie mit ihrem Freund in den Urlaub fährt und somit Carol nicht nur die Wohnung, sondern sie auch ihrem eigenen Schicksal überlässt. Helen wird bald merken wie falsch sie lag, denn mit dem Verschwinden der Schwester erlischt für die stille, träumerische Carol der einzige Bezugspunkt zur Realität und das Apartment bekommt nun sukzessive synonym für Carols eigenes Seelenleben.

Bereits vor der Abreise der Schwester wird Carols Privatsphäre konstant von Männern gestört. Der Typ ihrer Schwester ist plötzlich jeden Tag da, platziert seine Sachen willkürlich in der Wohnung, besetzt das Bad, klaut ihren Wohnraum, ''entführt'' schließlich die Schwester in den Urlaub. Die einzigen Szenen, die nicht im Apartment spielen, sind Szenen an der Arbeit so wie der Weg dorthin. Auf letzterem wird sie von Männern angemacht und aufdringlich ausgefragt, während Sie an der Arbeit nur vor sich hin träumt und derweil den Männerproblemen ihrer Kolleginnen lauscht. Letztendlich nimmt ihre hypnotische Apathie nach Helens Abreise so stark zu, dass sie an der Arbeit nach Hause geschickt wird und bald schon gar nicht mehr rausgeht, sondern sich in kompletter Isolation in ihrem Apartment verschanzt. Losgelöst von der Außenwelt, gibt Carol sich ihren Wahnvorstellungen hin, die aus ihrem nachempfindbaren Ekel für Männer resultieren. Traum und Realität sind nicht mehr unterscheidbar, denn der Zuschauer sieht den Film durch Carols gestörte Wahrnehmung.

So beeindruckend die Traumszenen vor allem dank des exzellentem Sounddesigns auch gestaltet sind, die Art und Weise wie Polanski die Ausgangslage für Carols sukzessiven Verfall in den Wahnsinn erschafft ist noch bemerkenswerter. Bereits in der ersten Szene wird die Psychologisierung des Folgenden etabliert, denn die Credits laufen während wir ein Close-Up auf Carols Auge sehen. Carol ist nicht nur Hauptcharakter, sondern auch Dreh- und Wendepunkt des Films selbst. Sie filtert zunehmend das Geschehen durch ihre eigene Wahrnehmung. Sie ist in fast jeder Szene. In den wenigen Szenen, in denen Sie nicht direkt im Bild ist, ist sie in unmittelbarer Nähe. Die Kamera bleibt nah an Carol, es gibt wenig Schnitte, viele Close-Ups. Die Story rückt somit in den Hintergrund und der Raum für Carols Fantasien wird geschaffen, welche zunehmend die Realität ergänzen. Unterstrichen wird das Ganze von einem wunderbaren Score, der in den Szenen außerhalb der Wohnung zumeist in einer Art hypnotischen Wirkung Carols ''Schlafwandeln'' unterstreicht, während Carol in ihrem Apartment nicht etwa zur Ruhe kommt, sondern vom lauten Ticken der Uhr, Gong der Kirchenglocke oder auch dem Tropfen von Wasser verfolgt wird.

Wenn Helen am Ende des Films aus dem Urlaub zurückkommt, findet sie nicht nur eine aufgebrochene Tür und die gesamte Wohnung in einem Zustand der totalen Verwesung und Unordnung, sondern auch zwei Leichen im Bad und schließlich Carol in katatonischem Zustand unter dem Bett liegen. Carol ist mitsamt dem Apartment in einen Zustand des kompletten Wahnsinns verfallen. Das Gruselige: man kann Carols Zustand und ihr Handeln absolut nachvollziehen. Die Morde passieren wie nebenbei, als Konsequenz der Atmosphäre, die den gesamten Film trägt. Es ist nicht von Bedeutung was passiert, sondern wie es passiert; wie Carols Umfeld sie zu all dem getrieben hat. Hut ab vor Polanski, der mit Repulsion einen der psychologisch dichtesten Horrorfilme aller Zeiten geschaffen hat.

Den Text findet ihr auch hier.


(VincentVega) über Rosemaries Baby (1968)

Cinema should make you forget you are sitting in a theatre.

Mit "Rosemary’s Baby" inszenierte Roman Polanski 1968 den zweiten Teil seiner Mieter-Trilogie und schuf damit einen Meilenstein des Horrorgenres.

Er bezieht seine Spannung, seinen fast akademischen Grusel, nicht durch plakative Szenen, sondern durch die subtile Bildsprache, den wunderbar komponierten Bildern, hypnotischen Kamerafahrten durch die Gänge des verschwurbelten Hauses und einem traumwandlerischen Score von Christopher Komeda.

Ebenso effektiv setzt Polanski, ganz bewusst aber dennoch dezent, einfachste Klänge in die Handlung ein um den Grusel pointiert weiterzubilden. Dies wird komplettiert durch die erstklassigen darstellerischen Leistungen von Mia Farrow und der alten, schrulligen und manipulativen Hausdame Minnie, gespielt von Ruth Gordon (Oscar gab es obendrauf). Garniert wird diese filmkünstlerische Perfektion mit einem Hauch von Surrealismus, welcher vor allem in den Traumsequenzen zu Gute kommt.

Polanski spielt hier sehr effektiv mit traditionellem Aberglaube, wie mythischer Hexenverfolgungen und des perfiden Einflusses des Teufels und lässt bis zum Ende die Karten offen liegen ob Rose nur durch die Strapazen ihrer Schwangerschaft an einer zutiefst paranoiden Verengung ihrer Wahrnehmung leidet oder ob Sie nun wahrhaftig, physisch und psychisch, von einer Sekte manipuliert wird die den gehörnten Mann aus der Unterwelt anbetet.

Gerade dieses ungreifbare Gefühl der dauerhaften Verfolgung und der Unsicherheit die Farrow so stark verkörpert, die Leere des Hauses, die kalten Blicke ihrer Mitmenschen und der langsame seelische Verfall Roses lässt einen den alptraumhaften Grusel auch heute noch spüren. Man möchte nach den ersten 120 Minuten hier kein Urteil fällen, nichts konkretisieren. Ich persönlich war nie in der Lage eine fundierte Meinung für die Beschaffenheit Roses preiszugeben, da ich selber langsam eingelullt wurde von den perfiden Bildern ohne es wirklich zu merken.

Und damit hat Polanski etwas Großes geschaffen, einen Horrorfilm, der zugleich das Ungreifbare visualisiert und nahbares, psychologisiertes Gruselkino bietet. Dieser Horror ist schier zeitlos und sprengt das urbane Bild New Yorks der 1960er und lässt sich problemlos in jede Epoche projizieren.

Hiermit alles Gute zum Geburtstag, Herr Polanski.

Den Text findet ihr auch hier.


Amarawish über Chinatown (1972)

Forget it, Jake, it’s Chinatown.

Im warmen Licht der Sonne erstrahlt die einstige Kleinstadt Los Angeles in einem gar lieblichen Ton. Das saftige Orange der Plantagen, das kühle Rauschen des Meeres, das fröhliche Treiben der Leute. Schöne Worte zur richtigen Zeit. Scheinheilig. Wie der Zigarettenrauch verschwimmt die Wirklichkeit, wenn man sich von der Sonne Kaliforniens blenden lässt und am Ende ist man wieder dort, wo man eigentlich nie wieder enden wollte: Chinatown.

Ein Ort wie die Frau, der ich nie begegnen möchte, aber wohl nicht widerstehen könnte: Mysteriös, verrucht, kalt, von einer einnehmenden Aura und unglaublich gefährlich. Vor langer Zeit kehrte ich diesem Stadtteil dem Rücken. Doch zuvor hatte sie mir einen Teil von mir entrissen. Ich bin seitdem nicht mehr der selbe.

Doch was habe ich daraus gelernt? Nichts. Nun bin ich wieder genau da, wo ich einst war. Vollkommen hilflos und am Ende nur ein Stein im Getriebe. Das personifizierte Böse flüsterte mir einst zu: Du denkst vielleicht du weißt mit wem du es hier zu tun hast, aber glaube mir, du weißt es nicht. Es hatte recht.

Der Schleier lichtet sich und all das Gesehene erscheint in einem völlig anderen, dunklem Licht. Eine Verschwörung von Macht und Korruption galt es zu entwirren, doch ich war bereits im Sog gefangen. Der triste Blick in die Tiefen des amerikanischen Traums ist ein Abgrund, der ins scheinbar Ungewisse führt und doch führte er zurück, nach Chinatown.

Diese Stadt braucht keinen Helden, der die Moral hochhält, denn sie ist längst unumkehrbar in den Fängen der Korruption versunken und eine Stadt der Mächtigen geworden, in der immer Blut fließt.

****

Polańskis „Chinatown" ist ein meisterhafter Neo-Noir und eine glanzvoll inszenierte Hommage an die 1930er Detektiv-Filme der Noir-Ära.

Sicherlich dürfte auch der schreckliche Mord an Schauspielerin Sharon Tate, der damals hochschwangeren Frau Polanskis, fünf Jahre zuvor eine enorme Wirkung auf seine Arbeit ausgeübt haben, denn er wollte wohl mit diesem Film seine Sicht auf L.A. darstellen, die wiederum einen großen Anteil zur düsteren Stimmung und Sichtweise beitrug.

Außerdem konnte Polański den Schauspieler, Drehubuchautor und Regisseur John Hutson für sich gewinnen, der mit seinem Noir-Krimi-Klassiker "Die Spur des Falken" (mit Humphrey Bogart als Ermittler) zu großer Bekanntheit avancierte, da dieser einigen Historikern zufolge den Beginn des Film-Noir einläutete. Er übernahm den Gegepart zu Protagonist Jack Gittes in Gestalt von Noah Cross und verlieh dieser manipulativen, machthungrigen Figur eine einnehmende, autoritäre Präsenz, die durchaus eine einschüchternde Wirkung auf den Zuschauer entfacht.

Jake Gittes' (Jack Nicholson) zynische Erwähnungen, meist stille Reflexionen, sein resignierter Charme und sogar seine bandagierte Spürnase machen ihn unglaublich faszinierend für den Zuschauer. Während er die Geheimnisse anderer Leute aufdeckt, versucht er vor seiner eigenen Einsamkeit zu entfliehen. Ein Mann, der mit der menschlichen Tragödie seinen Lebensunterhalt verdient, der aber aus nicht so hartem Holz geschnitzt ist wie er wohl manchmal gern wäre.

Die Atmosphäre ist von Anfang an einnehmend, zynisch und rätselhaft. Der Film hält dich erstickend fest, hält die Spannung bis zum bitteren Ende aufrecht und es scheint alles mit einer absichtlichen Alptraumhaftigkeit durchtränkt. Ohne Zweifel einer der besten Neo Noir-Filme der Filmgeschichte.

Den Text findet ihr auch hier.


Mr_Phil über Der Mieter (1976)

If you cut off my head, what would I say... Me and my head, or me and my body? What right has my head to call itself me?

Die eigenen vier Wände.

Dreh - und Angelpunkt, Zufluchtsort. Die Abgeschiedenheit nie gesucht, aber stets gefunden. Ein einziger Eingang, ein einziger Ausgang, nur du hast Zugang.

Du alleine, mit dir, deinen Gedanken, deinen Dämonen.
Die Geräusche um dich herum werden lauter, einnehmender, erdückender.
Die Schatten größer, das Licht trüber.
Der Schlüssel passt nicht mehr, zernagt und zerfressen von deinen immer wiederkehrenden Tagträumen, die mehr und mehr zu deiner Realität werden.
Was ist Einbildung, was nicht?
Was passiert wirklich, was spielt sich bloß in deiner kleinen Gedankenwelt ab, die immer größer zu werden scheint? Wieso lassen dich nicht einfach alle in Ruhe?
Dein Misstrauen hat dich an diesen Punkt gebracht, dein Selbstzweifel lässt dich jetzt nicht mehr los, nicht mehr weiter vorankommen. Du machst einen Schritt nach vorne, nur um zu realisieren, dass du eigentlich zwei Schritte zurück gemacht hast.

Du bist eingesperrt in deinen eigenen vier Wänden, weder Dreh - noch Angelpunkt, ohne Zuflucht, ohne Ausgang, bloß ein Eingang.
Jetzt bist nur du alleine übrig, mit dir und deinen Gedanken, die unlängst zu einer Abwärtsspirale geradewegs in die Hölle geworden sind.
Ein Teufelskreis ohne Anfang, ohne Ende.

Roman Polanski erschüttert noch heute mit seiner losen Mieter-Trilogie das Publikum, reißt ihnen den Boden unter den Füßen weg, spielt mit Wahrnehmung und Einbildung, manipuliert durch Suggestion bis zum bitteren Ende. Alltägliche Momente müssen früher oder später dem Wahnsinn weichen, positive Gefühle der puren Verzweiflung. Konsequenterweise gibt es auch hier keine Erlösung - oder zumindest keine im klassischen Sinne.

Zu oft vernachlässigt, zu Unrecht der wohl unbekannteste Teil, ist "Le Locataire" schließlich noch immer ein kleines Juwel Polanskis, einfach furchteinflößendes, ungemütliches Kino, das einen selbst in den Wahnsinn treiben und die eigenen vier Wänden plötzlich in einem ganz anderen Licht dastehen lassen wird.

Den Text findet ihr auch hier.


mikkean über Frantic (1988)

Leg dich nicht mit mir an, Mann. Ich bin Amerikaner und ich dreh bald durch!

Paris, die Stadt der Lichter und der Liebe. Frankreichs Herzstück eignet sich jedoch auch ideal als Kulisse für ausgewachsene Albträume. Wie für jenen, in dem sich der Chirurg Richard Walker (Harrison Ford) urplötzlich gefangen sieht.

Es beginnt mit einer unaufgeregten Anreise, seine Frau Sondra (Betty Buckley) kuschelt sich noch an seine Schulter. Nur ein vertauschter Koffer muss bei der Airline reklamiert werden. Dann steigt Richard aus der Dusche und mir nichts, dir nichts, fehlt von Sondra jede Spur. Kein Mensch hat sie gesehen, keiner nimmt die gespenstische Situation richtig ernst. Erst als Walker das fremde Gepäckstück näher untersucht und dessen Besitzerin Michelle (Emmanuelle Seigner) ausfindig macht, wird ihm nach und nach klar, in was für ein Spinnennetz er da geraten ist.

Wie ja gar nicht anders zu erwarten, weist auch „Frantic“ Roman Polanski als einen absoluten Meister des Spannungskinos aus. Und das mit inzwischen dreißig Jahren auf dem Buckel. Liegt es am, vermeintlich profanen, MacGuffin mit der Verwechslung zweier identischer Koffer, mit der Polanski (sollte ich sagen: beinahe) zu Alfred Hitchcock aufrückt und nicht nur in dessen Windschatten verweilt. Immerhin bietet auch „Frantic“ eine unvergessliche Dachkletter-Szene, an der Alfred seine reinste Freude gehabt hätte. Aber Einfallslosigkeit und Anmaßung beiseite, ich meine, was Harrison Ford hier als gestrandeter Amerikaner, als Fremder in einem fremden Land, durchmacht, atmet sowohl Hitchcock-Flair, wie es auch als formidables Werk mit ganz eigener Signatur durchgeht.

Polanski arbeitet nicht nur mit einer stetig bedrohlicher werdenden Atmosphäre, an deren Ende sich die Entführung von Walkers Frau als Teilstück eines viel größeren Szenarios erweist, das sich um Atomwaffen, den Mossad und finstere arabische Mächte dreht. Davor ist „Frantic“ allerdings schon finster und fies genug. Es gibt keinen abenteuerlichen Trip vor, für amerikanische Verhältnisse, exotische Kulisse und erst recht kein lässiger Agenten-Schwank. Stattdessen darf Harrison Ford sein Können in die Rolle eines unbescholtenen Mannes pumpen, der zwischen der Tatenlosigkeit der Behörden und einer ihm fremden Kultur zerrieben wird. Angst, Paranoia und auch Wut verwandeln jedes ohnmächtige Lächeln und Getuschel der Hotelangestellten und der zuständigen Flics in ablehnende, gar verhöhnende Gesten. Was macht der Ami denn für einen Aufruhr, wenn ihm doch wohl nur die Alte abgehauen ist?

Da ist es ja kein Wunder, dass Walkers einziger Lichtblick von der schattigen Rückseite des Gesetzes zu ihm stößt. Nämlich in Gestalt der Kleinkriminellen Michelle, in deren Rolle Emmanuelle Seigner zum ersten Mal als Polanskis Muse auf und abseits der Leinwand auftrat. Seigner gibt sich da ganz kess, immer wieder ganz eigenbrötlerisch. Und dann ist ihr Verhältnis zum gehetzten Walker stets etwas ambivalent. Mal erscheint sie, halb so alt, als eine wiedergefundene Tochter. Dann könnte auch schon wieder etwas gänzlich anderes in der Luft liegen. Auf jeden Fall wird Seigner so zu einer weiteren treibenden Kraft dieses mysteriösen Verwirrspiels. Das sich Michelle am Ende auf herzzerreißende Art und Weiße vom Publikum verabschiedet, fügt sich dabei nahtlos in Polanskis Werkschau ein. Von „Chinatown“ bis zu „Der Ghostwriter“, wird das ganze verworrene Tauwerk aufgelöst, aber mitunter zu einem hohen Preis.

So endet auch „Frantic“ nicht als Geschichte eines verirrten Amerikaners in Paris, der schließlich seine Frau glücklich wieder in die Arme schließen kann. Wer ganz detailverliebt ist, sollte unbedingt das Eröffnungsbild mit der Schlussaufnahme vergleichen. Da liegen Welten zwischen. Und ein ganz klassisch erzählter Thriller, bei dem eine Verfolgungsjagd noch ein Highlight darstellt. Während wir inzwischen schon ganz andere Tempi gewöhnt sind und sich die Atemlosigkeit der Protagonisten auf die Bild- und Schnittrate überträgt, war Roman Polanski weitsichtig genug, seine Zuschauer mit dem Interesse an der Spurensuche seines Helden zu fesseln. Dadurch bleibt „Frantic“ nicht nur Old School, sondern irgendwie auch erschreckend realitäsnah und glaubhaft. Selbst wenn nicht jeder von uns von der Gepäckkrise gleich in einen Agententhriller stolpern dürfte.


ElsaWaltz über Der Gott des Gemetzels (2011)

Ich glaube an den Gott des Gemetzels. ... Wissen Sie, es braucht eine gewisse Lehrzeit, um Gewalt durch Recht zu ersetzen. Der Ursprung des Gesetzes ist brutale Gewalt.

Der Gott des Gemetzels.
Als ich diesen Titel hörte, kamen mir verschiedenste Bilder in den Kopf:
Ein Schlachtfeld, viele Tote, Blut, Leid…
Der Film bietet jedoch weder Tote noch Blut.
Dafür aber Kotze, Leid und ein ganz eigenes Schlachtfeld, das zuvor noch ein schönes Wohnzimmer war.

Roman Polanski hat sich für seinen 24. Film das gleichnamige Theaterstück des französischen Dramatikerin Yasmina Reza herausgesucht. Dass es sich im Original um ein Stück für die Theaterbühne handelt, lässt Polanski auch in seiner Ausführung erkennen: Der Film spielt in nur zwei Räumen. Dem Wohnzimmer - welches zum Schlachtfeld auserkoren wird - und dem Badezimmer (hier findet einer der besten Szenen des gesamten Films statt).

Die Stärke des Films neben der sehr guten Regiearbeit des Geburtstagskindes sind die Darsteller. Und was für Darsteller es sind; Vier der besten Schauspieler dieser Generation, in jeweils zwei Power-Ehepaaren verbunden: Kate Winslet und Christoph Waltz vs. Jodie Foster und John C. Reilly. Es ist ein Dialogfeuerwerk dem man als Zuschauer lauscht, es beginnt ruhig und steigert sich in ein glorreiches Finale, das weder der Betrachter noch die teilnehmenden Ehepaare vergessen werden. Fassaden fallen, aus Lachen wird Schreien, aus Komplimenten Beleidigungen. Wer her wohl der Gott des Gemetzels ist? Wahrscheinlich eher die Ehefrauen, die wie Katzen aufeinander losgehen. Währenddessen versuchen die Ehemänner noch, irgendwie die gehobene Fassade aufrecht zu erhalten. Aber gegen einen Gott haben die armen leider keine Chance.

In unsere Gesellschaft, in welcher man immer wieder Geschichten über die sogenannten Helikoptereltern liest und hört, passt der Film sehr gut. Er führt uns vor Augen wie weit Eltern für ihre Kinder gehen (hier im negativen Sinne), wie schnell sie einen kleinen kindlichen Streit in ein Gemetzel wandeln können.

Der Gott des Gemetzels ist ein guter Film und Roman Polanski beweist, dass er als Regisseur wirklich das Beste aus seinen Darstellern hervorrufen kann.

Alles Gute zum 85. Geburtstag Herr Polanski!

Den Text findet ihr auch hier.

* * *

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