Sex Education: Mit der Teenie-Komödie spielt Netflix seine größten Stärken aus


Sex Education mit Asa Butterfield und Gillian Anderson
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moviepilot Team
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You want it darker, we kill the flame.

Netflix hat seine jugendliche Zuschauerschaft schon seit einer ganzen Weile fest im Griff und bespaßt seine Abonnenten regelmäßig sehr erfolgreich mit Geschichten, die sich ganz dem turbulenten Dasein von Teenagern verschrieben haben. Hierzu zählen Serien wie Stranger Things und Atypical sowie wie RomCom-Hits à la To All the Boys I've Loved Before und The Kissing Booth. Teils geht es in den entsprechenden Produktionen des Streaming-Anbieters sogar recht schlüpfrig zu - denken wir nur an die gebeutelten Halbwüchsigen und ihre lüsternen Hormonmonster aus Big Mouth oder die Hexenorgie in Chilling Adventures of Sabrina. Mit der achtteiligen 1. Staffel von Sex Education tritt Netflix erneut frech das Gaspedal durch und präsentiert uns einen bunten Blumenstrauß aus flippigen Charakteren im Würgegriff der Teenage Angst.

Die Prämisse von Sex Education ist absurd ... und ziemlich genial

Die Person, die in der Serie alles zusammenhält, ist der 17-jährige Otis (Asa Butterfield). Aus ihm spricht eine amüsante Ironie, denn aufgrund einer mentalen Blockade, deren Ursprung später noch geklärt wird, kann Otis weder masturbieren noch mit einer anderen Person intim sein. Dennoch beginnt in der zweiten Folge von Sex Education ausgerechnet er damit, seinen Mitschülern gegen Bezahlung Ratschläge in Liebesdingen zu erteilen. Als Schlüssel zum Erfolg erweist sich pikanterweise Otis' Mutter Jean (betörend androgyn: Gillian Anderson), die als Sextherapeutin arbeitet und deren Sitzungen mit Klienten der schüchterne Protagonist zu Lernzwecken heimlich belauscht.

Sex Education hat den Finger am Puls der Zeit

In einer der ersten Szenen von Sex Education verteilt Otis unsubtil Pornohefte und vermeintlich benutzte Papierhandtücher auf seinem Bett, um seine neugierige Mutter von seiner Normalität zu überzeugen, doch wenn ihr denkt, das sei abgefahren, habt ihr noch nicht die Altersgenossen des jungen Mannes kennengelernt. Unter ihnen befindet sich eine Autorin mit eigenwilligem Fan-Fiction-Fetisch ebenso wie Otis' exzentrischer bester Freund Eric (Ncuti Gatwa), der ein Auge auf den Anführer der Mobbing-Clique und damit den außer ihm einzigen offen schwulen Schüler der Highschool geworfen hat.

Bei der Etablierung seiner Figuren balanciert Sex Education zunächst geschickt Klischees des Genres, um dann zu offenbaren, dass die Dinge doch etwas anders liegen als zunächst gedacht. Was indes viele "Patienten" von Otis eint, ist ein Zustand der Überforderung oder die Angst vorm Versagen in verschiedenen Ausprägungen.

Der jähzornige Adam (Connor Swindells) zum Beispiel leidet als Sohn des Direktors auf vielfältige Weise darunter, es seinem strengen Vater nie recht machen zu können. Derweil fürchtet Lily, für immer Jungfrau zu bleiben, wenn sie vor Beginn der College-Zeit nicht endlich Sex hat. Zwar versetzt uns die Serie durch ihr Ambiente und ihren Flair am ehesten in die 1980er Jahre, doch zeichnet Sex Education unverkennbar auch das Abbild einer Leistungsgesellschaft auf ihrem (eben ganz und gar nicht lustvollen) Höhepunkt.

Die Frauen stehlen in Sex Education den Männern die Show

Die schillerndste Entdeckung in Sex Education ist zweifellos Emma Mackey. Sie verkörpert die rebellische Maeve, die einerseits mit dem Schulsprecher anbandelt, andererseits aber zu eigen(brötlerisch) und schlicht zu klug ist, um selbst andauernd im Mittelpunkt stehen zu wollen. Ihr brüchiger familiärer Hintergrund hat sie zur Einsiedlerin gemacht, die in ihrer Freizeit Virginia Woolf liest, nach außen als Punkerin auftritt und - was unter den Teenies aus Sex Education wahrlich eine Seltenheit ist - rege und unbeschwert ihre Sexualität auslebt. Für Letzteres verurteilen sie ihre Mitschülerinnen, nicht hingegen die Autoren der Serie, während sich der Zuschauer an Maeves komplexem Wesen noch lange abarbeiten kann.

Sex Education ist eine Teenieserie (auch) für Erwachsene

Bei allem Trubel um Hobbytherapeut Otis und die Turbulenzen der übrigen Jugendlichen allerdings verliert Sex Education dankbarerweise nicht die Erwachsenen aus den Augen. So bleibt Mutter Jean im Verlauf der gesamten 1. Staffel eine wichtige Figur, über die die Macher geschickt das Thema Bindungsängste auf den Tisch bringen.

Zwischen ihrer Fähigkeit, die Paarprobleme anderer treffend zu analysieren und ihrem Unvermögen, nach der Trennung von Otis' Vater selber eine neue Beziehung einzugehen, besteht ein nur allzu menschlicher Widerspruch, der den Charakter äußerst liebenswert macht. Der einzige Mensch, der Jean wirklich etwas bedeutet, ist Otis, doch der zeigt sich eher abgeschreckt davon, von der eigenen Mutter wie ein Patient analysiert zu werden. Kurzum: Die beiden haben eine Menge aus dem Weg zu räumen und es ist eine große Freude, ihnen in kleinen Schritten dabei zuzusehen.

Wer ganz ehrlich zu sich selbst ist, hat gute Chancen, sich (oder eine jüngere Version von sich) in zumindest einer der Figuren trotz gelegentlichen Überzeichnungen wiederzufinden, denn wenn Sex Education mit einer Illusion aufräumt, dann ist es die der Normalität. Teeniekomödien mag es (auch bei Netflix) wie Sand am Meer geben, nur wenige wissen jedoch, Herz und Hirn des Publikums im selben Maße zu stimulieren. Das erste Highlight des Netflix-Serienjahres 2019 ließ nicht lange auf sich warten.

Werdet ihr euch auch der Sex Education auf Netflix unterziehen?

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