Wir müssen aufhören, Spoiler so wahnsinnig ernst zu nehmen


2 Fast 2 Furious-Spoiler
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Ein Spoiler ist nicht nur ein geschmackloses Metall- oder Kunststoffteil, das dazu benutzt wird, das Heck des eigenen Fahrzeugs zu verschandeln, sondern auch ein bewährter Weg, bei einer Diskussion über die neuesten Kinofilme den geballten Hass des Internets auf sich zu ziehen. Die Online-Etiquette besagt, dass Plot-Details aus aktuellen Filmen mit einer Spoiler-Warnung versehen werden müssen, sodass nicht aus Versehen jemand etwas liest, das die Überraschung und damit den Kinobesuch verderben könnte. Und das ist auch gut so. Immerhin ist Rücksicht ja auch ein feiner Zug und bei all der Negativität im Internet ist es schön, wenn jemand noch auf die Sensibilitäten anderer Leute achtet.

Dennoch bin ich der Meinung, dass es viele Leute mit ihrer Angst vor Spoilern stark übertreiben. Auch die Definition, was denn letztendlich schon als Spoiler klassifiziert wird, ist mir zu breit gefächert. Ist es bereits ein Spoiler, wenn verraten wird, welche Comic-Figuren in einem Film auftauchen oder welche Drehorte in einer bestimmten Game of Thrones-Episode besucht werden? Vielleicht, denn wirklich genau definieren lässt sich ein Spoiler meiner Meinung nach nicht unbedingt nach seinem Inhalt, sondern in erster Linie von seiner Wirkung. Die eigentliche Frage ist: Verdirbt Vorwissen tatsächlich das Kinoerlebnis? In den meisten Fällen würde ich sagen nein. Sonst wäre es ja auch unmöglich, einen Film zweimal zu sehen und dabei Spaß zu haben.

Kein Spoiler kann einen guten Film wirklich "verderben"

Filme, deren Geschichte so konstruiert ist, dass die Art und Weise, wie und wann dem Publikum Informationen vermittelt werden, essentiell für das Sehvergnügen ist, sollten selbstverständlich vorher mit Samthandschuhen behandelt werden. Hereditary, Vollblüter und Avengers 3: Infinity War profitieren beim ersten Sehen stark davon, wenn der Zuschauer noch nicht ahnt, wie sich der Plot entwickelt. Filme wie The Sixth Sense, Fight Club, Sieben und Memento sind sogar gerade wegen ihrer Enthüllungen berühmt und berüchtigt. Doch ein guter Film hat mehr zu bieten als eine einmalige Überraschung.

Welche Figur Peter Dinklage im neuen Avengers-Film spielt, ob Meryl Streep in Mamma Mia 2 vom Bus überfahren wird oder ob Sam Rockwell in seinem nächsten Projekt wieder eine Hose anhat, gelten für mich definitiv nicht als Informationen, die einem gleich den kompletten Film ruinieren. Wenn jemand explizit darum bittet, vorher keinerlei Details zu erfahren, sollte dem natürlich nachgekommen werden, immerhin will niemand ein Spaßverderber sein. Bei Vorab-Spekulation und -Diskussion im Netz sollten sich Filmfans, die komplett uneingenommen ins Kino gehen wollen, der Gefahr aber von vornherein bewusst sein und sich nur auf eigenes Risiko beteiligen.

Schauspieler leben in ständiger Angst, den Film zu spoilern

Das mit Abstand befremdlichste an der Spoiler-Kultur ist für mich aber der Aufwand, der von den Studios selbst betrieben wird, sämtliche Kleinigkeiten über die Handlung eines Filmes geheim zu halten, als wäre das Drehbuch ein Staatsdokument. Domhnall Gleeson verriet in einem Interview kürzlich, er habe schreckliche Angst davor, bei einem Nickerchen im Flugzeug Star Wars-Plotdetails vor sich hinzumurmeln und Lauscher anschließend mit Geld bestechen zu müssen, dass sie nichts verraten. Auch, wenn der Ire dieses Statement nicht ganz ernst gemeint hat, enthält seine Aussage doch Wahrheit. Bei Game of Thrones werden aus Angst vor Leaks sogar vollkommen kuriose Maßnahmen ergriffen.

Vor dem Start des dritten Avengers-Films erschien ein Interview mit den Stars Mark Ruffalo und Don Cheadle, in dem ersterer kurz auf das Ende des Filmes eingeht und dabei versehentlich den großen Twist verrät. Dort zeigt sich, welchem Druck die beiden die ganze Zeit über ausgesetzt sein müssen. Cheadle, der den Lapsus als erster bemerkt, ist sichtlich entsetzt und Ruffalo ist so nervös, als hätte er Angst, nach dem Interview irgendwo tot in irgendeinem Waldstück gefunden zu werden. Es geht doch nur um einen Film. Warum sich erwachsene Menschen über solche Lappalien aufregen, ist mir ein absolutes Rätsel.

Spoiler bedeuten noch lange keinen Weltuntergang

Mir selbst wurde übrigens eine der wohl dramatischsten Szenen in Star Wars 7: Das Erwachen der Macht eine Woche vor Kinostart gespoilert. Ich hatte mich im Vorfeld komplett vor sämtlichen Spekulationen abgeschirmt, um möglichst unbefangen ins Kino zu gehen. So sehr habe ich mich auf die neuen Abenteuer meiner Kindheits-Helden Luke, Leia und Chewie gefreut. Dann habe ich den Fehler gemacht, mit Freunden ein Online-Videospiel zu spielen und ein gegnerischer Spieler schrieb mir aus Frust über unseren Sieg einen fetten Spoiler in den Chat. Das war alles andere als nett und hat mich im ersten Moment tatsächlich etwas traurig gestimmt. Immerhin war es mir so wichtig gewesen, die Geschichte des neuen Filmes zum ersten Mal gemeinsam mit meiner Familie im Kino erleben zu können. Mein Ärger war allerdings bereits wieder verflogen, als ich im Saal saß und zusammen mit dem Rest des Publikums dem Start des Filmes entgegenfieberte.

Es ist immer auch eine bewusste Entscheidung, sich den eigenen Spaß nicht von anderen verderben zu lassen. Erwachsene sollten über solchen Dingen stehen und diese Selbstbeherrschung idealerweise an ihre Kleinen weitergeben. Sonst sind diese bald ebenso verdorben wie die ganzen Kinoerlebnisse, die ohne jegliches Vorwissen so viel besser gewesen wären. Vor allem möchte ich aber in einer Welt leben, in der Domhnall Gleeson wieder ruhig schlafen kann.

Wie steht ihr zur Spoiler-Kultur?

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